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george grosz
den macht uns keiner nach, 1919

ink on paper, 23 x 17 cm, 1919

while the others are dancing,
martin eugen raabenstein’s
sensor spotlight focuses on:

george grosz

© george grosz

en
de

the parting here, the monocle there / the posture firm and tough / and then before every third word / a long-drawn “uh” / this is how one sees him in peacetime / he is viewed with cheerfulness / although ironized / and smilingly parodied. / good heavens, good heavens! / good heavens once again — it is colossal! / this is the lieutenant / the german lieutenant / the man whom a proverb speaks about — / the lieutenant, the lieutenant, no one can imitate him… concise, precise, and unmasking, otto reutter describes in his mocking street song recorded in 1916 what every critical mind can perceive but few dare to say — the brutal stupidity of the german military, with its cocky, overfed, self-important officers and officials. karl kraus, the editor of the satirical magazine “die fackel,” likewise works from 1915 on for seven years on his drama “the last days of mankind,” in which he presents the tragic events of the first world war in 220 scenes composed from meticulously assembled contemporary original documents. the shockingly sarcastic explosive force of his cutting criticism of the responsible military apparatus succeeds through artistic recontextualization of multiple quotations from real historical events and stands as a satirical monument in language.

although some publications such as “die lustigen blätter” or “simplicissimus” repeatedly manage to circumvent censorship with appropriately subtle caricatures, the great wave of contemporary criticism only breaks out after the end of the war. while the spartacists rosa luxemburg and karl liebknecht already attack the imperialist military during wartime, the weimar republic now sees a focused confrontation with past catastrophes on all fronts. erich maria remarque, ludwig renn, and ernst jünger write novels that address the horrific trauma of the front, kurt tucholsky and erich kästner publish satires on “hurray patriotism,” and the visual arts also now show, with relentless and biting sobriety, the ugly reality of the time. käthe kollwitz symbolizes the suffering of families and children, otto dix’s grotesque scenarios reflect the inflated hero myth and its consequences as a bitter farce, and george grosz publishes in 1919 the portfolio “god with us,” consisting of nine illustrations, about which kurt tucholsky says: “if drawings could kill, the prussian military would surely be dead.” “god with us,” a slogan taken from the inside of german soldiers’ belt buckles, brings grosz and his publisher wieland herzfelde a lawsuit for defamation of the military — a fine is imposed, and all copies of the printed work must be handed over to the military.

the great inflation of 1923, a global economic crisis, and the increasingly radicalized party landscape and electorate from 1930 onward lead three years later to the end of weimar democracy through adolf hitler’s seizure of power — anti-republican attitudes face each other as extra-parliamentary paramilitary groups until his takeover. the demonstrations of power by the extreme factions carry the face of the dull struggle into the streets and meeting halls, and whether stahlhelm, sa, or rotkämpferfront — conservative or proletarian revolution — grosz sketches it more than a decade earlier. the thought may seem foreign to the openly communist grosz, but it is not only national socialist country bumpkins who can be associated with it. the artist’s distinctive line also symbolizes the brutal face of the second world war that follows in 1939, and even after the end of this further military catastrophe we continually encounter this dehumanized character. foolish malice connects in this image with blind readiness for violence, and somewhere, far behind this brilliant ink drawing, we sense with horror the cruel centers of power that know how to direct this monster.

iir, december 2025

Der Scheitel hier, Monokel dort / die Haltung straff und zäh, und dann vor jedem dritten Wort /ein lang gedehntes: „Äh“ / So sah man ihn in Friedenszeit / man hat ihn voller Heiterkeit / obgleich ironisiert / und lächelnd parodiert / Donnerwetter, Donnerwetter! / Donnerwetter noch einmal, es ist kolossal! / Das ist der Leutnant / der deutsche Leutnant / der Mann, von dem ein Sprichwort sprach — / den Leutnant, den Leutnant, den macht uns keiner nach… Knapp, präzise und entlarvend beschreibt Otto Reutter in seinem 1916 aufgenommenen spöttischen Gassenhauer, was jeder kritische Geist wahrnehmen kann, aber wenige auszusprechen wagen – die brutale Dummheit des deutschen Militärs mit seinen gockelhaft überfetteten, selbstherrlichen Offizieren und Beamten. Karl Kraus, der Herausgeber der satirischen Zeitschrift „Die Fackel“, arbeitet gleichfalls von 1915 an sieben Jahre lang an seinem Drama „Die letzten Tage der Menschheit“, in dem er die tragischen Geschehnisse des Ersten Weltkrieges in 220 Szenen aus minutiös montierten, zeitgenössischen Originaldokumenten darstellt. Die erschütternd sarkastische Sprengkraft der schneidenden Kritik am verantwortlichen militärischen Apparat gelingt Kraus durch künstlerische Rekontextualisierung multipler Zitate realer, historischer Geschehnisse und gilt als sprachsatirisches, monumentales Mahnmal.

Wiewohl es einigen Publikationen wie „Die lustigen Blätter“ oder dem „Simplicissimus“ immer wieder gelingt, mit entsprechend dezenten Karikaturen die Zensur zu unterwandern, bricht die große Welle zeitgenössischer Kritik erst nach Beendigung des Krieges hervor. Während die Spartakisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht schon zu Kriegszeiten das imperialistische Militär angreifen, sieht die Weimarer Republik nun an allen Fronten eine fokussierte Aufarbeitung der vergangenen Katastrophen. Erich Maria Remarque, Ludwig Renn und Ernst Jünger schreiben an ihren das entsetzliche Trauma der Front thematisierenden Romanen, Kurt Tucholsky und Erich Kästner veröffentlichen Satiren über den „Hurra-Patriotismus“, aber auch die bildenden Künste zeigen nun in unerbittlicher und bissiger Nüchternheit die hässliche Realität dieser Zeit. Käthe Kollwitz versinnbildlicht das Leid der Familien und Kinder, Otto Dix’ groteske Szenarien reflektieren den aufgepumpten Heldenmythos und dessen Folgen als bittere Farce, und George Grosz veröffentlicht 1919 das neun Illustrationen umfassende Portfolio „Gott mit uns“, über das Kurt Tucholsky sagen wird: „Wenn Zeichnungen töten könnten, wäre das preußische Militär sicherlich tot.“ „Gott mit uns“, ein Spruch, entnommen der Gürtelschnallen-Innenseite deutscher Soldaten, wird Grosz und seinem Verleger Wieland Herzfelde eine Klage wegen Verleumdung des Militärs einbringen – eine Geldstrafe wird verhängt, und alle Exemplare des Druckwerkes sind an das Militär abzugeben.

Die große Inflation von 1923, eine Weltwirtschaftskrise und die sich ab 1930 zunehmend radikalisierende Parteienlandschaft samt Wählerschaft führen drei Jahre später zum Ende der Weimarer Demokratie durch die Machtergreifung Adolf Hitlers – republikfeindliche Gesinnung steht sich bis zu dessen Übernahme als außerparlamentarische, paramilitärische Kampfbünde gegenüber. Die Machtdemonstrationen der extremen Flügel tragen das Gesicht des tumben Kampfes auf die Straßen oder in Versammlungssäle, und ganz gleich, ob Stahlhelm, SA oder Rotkämpferbund – konservative oder proletarische Revolution – Grosz hat es schon über ein Jahrzehnt zuvor skizziert. Der Gedanke mag dem bekennenden Kommunisten Grosz fremd erscheinen, aber es sind nicht nur nationalsozialistische Bauerntölpel, die sich damit in Verbindung bringen lassen. Des Künstlers bezeichnende Linienführung symbolisiert zudem das brutale Gesicht des 1939 folgenden Zweiten Weltkrieges, und auch nach Beendigung dieser weiteren kriegerischen Katastrophe treffen wir unablässig auf diesen entmenschlichten Charakter. Dümmliche Niedertracht verbindet sich in diesem Bildnis mit blinder Gewaltbereitschaft, und irgendwo, weit hinter dieser genialischen Tuschzeichnung, erahnen wir entsetzt die grausamen Machtzentren, die dieses Monstrum zu lenken wissen.

iir, december 2025