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gert & uwe tobias
untitled, 2010

woodcut on paper, 209 x 188 cm

while the others are dancing,
martin eugen raabenstein’s
sensor spotlight focuses on:

tobias

© gert & uwe tobias

en
de

the parents of gert and uwe tobias, born in 1973 in transylvania, flee from the romanian dictator nicolae ceaușescu to the west and settle in cologne in 1985. the artistic vein of the twins is recognized early on: walter dahn is allowed to leave professorial impressions on them, and before they know it, an enthusiastic global collector scene scrambles for their unusual works. what may sound like a brothers’ grimm tale also looks the part — and in a color joy that employs technically diverse methods, something unfolds before us that otherwise feels familiar only from east asian aesthetics, just with a splash of the carpathians. the brothers experience the neck-wrenching balkans only as children, but it is precisely the soft soul of the growing child that is many times more receptive to the sharp teeth of a spooky tale or two. in the early 2000s, japanese manga worlds, led by takashi murakami, conquer the lofty halls of the western art world, and the tobias scenarios — similar in optics and spatial depth — are warmly welcomed among kindred works from distant lands. for the attentive audience, hermannstadt is as far as kyoto; it may vaguely recall the grim episodes of vlad the impaler but certainly not shintō, which profoundly shapes the image-making of manga. rooted in a deep myth of nature, everything finds itself in everything: the spirit in the tree, the curse in the bucket — and all are united by the stories that henceforth spin themselves from wondrous entanglement.

in the case of tobias too, the line between subject and object becomes fluid; modernity and the middle ages dance excitedly with abstraction and lace bonnets down the hallway — and back again. in a steady rain unbroken by the master, the apprentices conjure, piece by piece, further confessions of their cosmos open to combination and association. preferably tied to a production method untypical for our times, the astonished vernissage crowd discovers just what can be accomplished with woodcut — especially in a chromatically breathtaking, finely chiselled upper league of fervently declared, exquisite taste. the magical creatures, animal objects, or geometrically  enraptured oddities depicted in every conceivable state or pose are anything but oppressive or in any way demanding of horror — on the contrary: in the refreshing cheekiness of purpose-free combination, the dark and looming frees itself from its classically trembling mechanism, tugs at an ear here, a corner of a mouth there — and suddenly it is here, right in the room: the unrestrained joy of children at play. behind even the most dreadful grimaces, grotesque deformities or other chimeric mutilations, we recognize the carefree soul of a young human, replaying what was heard or seen, transformed. what brings delight and calm to the child can be neither wrath nor irritation for the adult — so we dance again down the hallway, under a romanian knit cap, king ottokar’s scepter in hand.

the charm-driven volley of delightful gallantries naturally does not miss the double authorship of four hands, and as much as the tobias twins may emphasize a pure and hierarchy-free production process for their cadavre exquis, their internal, nonverbal communication within this seamlessly interlocking procedure is of elevated interest. the constant thematization of the mystical-demonic, which does not aim toward a foreseeable end, resembles a perpetual reworking of the traumatic experience between hansel and gretel after their release from the witch’s spell. the two artists manage not only the regular repetition of drawing, woodcut, or print, and the inclusion of additional elements like letters or collaged found objects — even the development of the forms themselves flows effortlessly out of two psyches into an emerging work. from the effortless naturalness of this process arises the question why gert and uwe do not wish to leave this enchanted forest — simply because we, as european-educated and -thinking people, no longer want or are able to relate to this part of our memory culture. in stark contrast, however, we become enthusiastically alert when this epic is told in an east asian tone. this internal distance toward our own past cannot be solved by the tobias brothers, but it can at least be softened.

iir, july 2025

Die Eltern der 1973 in Siebenbürgen geborenen Gert und Uwe Tobias flüchten 1985 vor dem rumänischen Diktator Nicolae Ceaușescu in den Westen und lassen sich in Köln nieder. Die künstlerische Ader der Zwillinge wird früh erkannt: Walter Dahn darf professurale Eindrücke bei ihnen hinterlassen, und eh sie sich versehen, reißt sich eine euphorische Käuferschaft weltweit um ihre ungewöhnlichen Werke. Was wie eine Gebrüder-Grimm-Geschichte klingen mag, entspricht dem märchenhaften auch formal – und in technisch vielfältige Verfahren nutzender Farbfreude breitet sich vor uns aus, was sonst nur aus dem ostasiatischen Raum vertraut erscheint, nur eben mit einem Schuss Karpaten. Den halszerreißenden Balkan erleben die Brüder nur als Kinder, aber gerade die weiche Seele des Heranwachsenden ist um ein Vielfaches empfänglicher für die spitzen Zähne so mancher schauriger Erzählung. In den Nullerjahren erobern die japanischen Mangawelten mit Takashi Murakami auch die hehren Hallen der westlichen Kunstwelt, und die in Optik und Raumtiefe ähnlich operierenden Tobias-Szenarien werden wohlig empfangen neben Artverwandtem aus fernen Landen. Dem beflissenen Publikum ist Hermannstadt ebenso weit wie Kyoto, es kennt gegebenenfalls die schaurigen Episoden um Vlad den Pfähler, aber sicherlich nicht Shintō, das maßgeblich die Bildfindungen des Manga prägt. In einem tiefen Naturmythos verwurzelt, findet sich dort alles im Allem: der Geist im Baum, der Fluch im Eimer – und allem gemeinsam sind die Geschichten, die sich aus wundersamer Verquickung fortan spinnen lassen.

Auch im Falle Tobias gestaltet sich die Subjekt/Objekt-Grenze fließend, Moderne und Mittelalter tanzen freudig erregt mit Abstraktion und Spitzenhäubchen den Flur hinunter – und wieder zurück. In einem vom Meister nicht unterbrochenen Dauerregen zaubern die Lehrlinge Stück um Stück weitere Bekenntnisse ihres kombinations- und assoziationsoffenen Kosmoses. Bevorzugt mit einer kontemporär unüblichen Herstellungsart verbunden, erfährt die staunende Vernissagenmeute, was mit Holzschnitt so alles angerichtet werden kann – vor allem in einer koloristisch atemberaubend feinziselierten Oberliga des eifrig beteuerten, exquisiten Geschmackes. Die in allen erdenklichen Zuständen oder Posen abgebildeten Zauberwesen, Tierobjekte oder gänzlich im Spiel geometrischer Leidenschaft verborgenen Eigenartigen sind alles andere als bedrückend oder anderweitig das Grauen fordernd – im Gegenteil: Gerade in der herzerfrischenden Frechheit zweckfreier Kombinatorik befreit sich das dunkel Dräuende von seiner klassisch zitternd machenden Mechanik, zupft hier am Ohr, dort an einem Mundwinkel – und schon ist sie da, mitten im Raum: die ungehinderte Lebensfreude tobender Kinder. Hinter gar schrecklichen Grimassen, grauenhaften Verwachsungen oder anderer chimärenhafter Verstümmelungen erkennen wir die sorgenfreie, transformierend Gehörtes oder Gesehenes nachspielende Seele des jungen Menschen. Was des Kindes Entzücken und Beruhigung zugleich, kann des Erwachsenen nicht Zorn noch Ärgernis sein – also tanzen wir unter rumänischem Strickmützchen, König Ottokars Zepter in der Hand, den Flur erneut entlang.

Dem sympathiegetriebenen Anwurf charmanter Galanterien entgeht natürlich nicht die doppelte Autorschaft aus vier Händen und so sehr die Tobias-Zwillinge einen reinen und hierarchiefreien Produktionsablauf ihrer cadavre exquis betonen mögen, ist deren interne, nonverbale Kommunikation in diesem fließend ineinandergreifenden Prozess von gehobenem Interesse. Die konstante, nicht auf ein absehbares Ende hinarbeitende Thematisierung des mystisch-dämonischen entspräche in etwa einer dauerhaften Rekapitulation des traumatischen Erlebnisses zwischen Hänsel und Gretel nach deren Befreiung aus dem Bann der Hexe. Den beiden Künstlern gelingt nicht nur die regelmäßige Wiederholung von Zeichnung, Holzschnitt oder Druck und die jeweilige Einbindung zuhilfegenommener Elemente wie Buchstaben oder collagierter Fundstücke – auch die Formenentwicklung der Arbeiten selbst greift, mühelos aus zwei Psychen entspringend, in ein zu entstehendes Werk ein. Aus der mühelosen Selbstverständlichkeit dieses Ablaufes ergibt sich die Frage, warum Gert und Uwe diesen Zauberwald nicht verlassen wollen einfach nur deshalb, weil wir als europäisch erzogene und denkende Menschen den Bezug zu diesem Teil unserer Erinnerungskultur nicht mehr ziehen wollen oder können – im krassen Gegensatz dazu allerdings begeistert aufmerken, wenn dieser Epos im ostasiatischen Ton erzählt wird. Diese innere Distanziertheit gegenüber der eigenen Vergangenheit kann von den Tobias-Brüdern nicht gelöst, aber zumindest gelockert werden.

iir, july 2025