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		<title>Rewind: Klassiker, neu gehört – Pixies – Doolittle (1989)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Martin Raabenstein]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 28 Jun 2019 11:38:22 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Rewind: Klassiker, neu gehörtPixies – Doolittle (1989)Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein vom 24.06.2019 Dem Sound der Pixies konnte man Ende der 1980er-Jahre nicht mit einem einzigen beschreibenden Begriff beikommen. Dafür war viel zu viel los im Kopf von Frank Black aka Black Francis, der das Songwriting fast schon manisch an sich riss und seine [&#8230;]]]></description>
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<p><a href="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/rewind-doolittle-lede-x.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-1949" src="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/rewind-doolittle-lede-x.jpg" alt="" width="1600" height="900" /></a>Rewind: Klassiker, neu gehört<br />Pixies – Doolittle (1989)<br />Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein vom 24.06.2019</p>
<p>Dem Sound der Pixies konnte man Ende der 1980er-Jahre nicht mit einem einzigen beschreibenden Begriff beikommen. Dafür war viel zu viel los im Kopf von Frank Black aka Black Francis, der das Songwriting fast schon manisch an sich riss und seine drei Band-Mitglieder Kim Deal, David Lovering und Joey Santiago auf die Plätze verwies. Das sollte später zu Problemen führen. 1989 jedoch, als „Doolittle“ auf 4AD erschien, war noch fast alles in Butter. Blacks exaltierter Gesang wuselte selbstsicher durch einen musikalischen Kosmos, der zwar Hardcore atmete, aber viel mehr wollte und war. In der US-amerikanischen Heimat der Band wurde „Doolittle“ zwar nicht ignoriert, den großen Erfolg feierte die Band jedoch in Europa. Das Album erreichte in Großbritannien die Top 10, der Song „Monkey Gone To Heaven“ ist einer der ganz großen Klassiker der Musikgeschichte. Und über Klassiker debattieren Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann besonders gern. Ein seltener Moment der Einigkeit entspinnt sich zwischen den beiden Musikkritikern: zwischen Vinyl-zerstörendem Bauschutt, Spotify-Payola und Musik-inspirierter Kunst. Derweil wacht der Monkey im Heaven über einen in der Berliner Hitze wild ventilierenden PowerMac und hält Kurt Cobain die Ohren zu. Zeit abzuhotten.</p>
<p>Martin Raabenstein: Das Wetter entspricht nicht so ganz dieser Musik, es ist zu heiß.</p>
<p>Thaddeus Herrmann: Aber bei Rockmusik geht es doch um Schweiß. Das ist ja so ein Album, das man eigentlich zu fast allen Gelegenheiten hören kann. Wenn man es denn mag.</p>
<p>Martin: Das wird dann aber jetzt sehr sehr schnell schwitzig hier, lass uns erst mal abhotten.</p>
<p>Thaddeus: Zu welchen Tracks bzw. Styles hottest du denn besonders gerne auf „Doolittle“? Genau das macht für mich dieses Album aus. Es will ein bisschen alles sein und passt so eigentlich gar nicht in die Post-Hardcore-Zeit der USA. Wenn die überhaupt schon vorbei war, ich kenne mich da nicht so richtig gut aus. Aber Hardcore dies ja never, wie we all know.<span id="more-6700"></span></p>
<p>Martin: „Debaser“ lief ja schon, da lassen wir den Post-Pogo raus. Bei „Monkey Gone To Heaven“ müssen wir dann zwischendurch eng kuscheln und uns gegenseitig befeuchten – und so weiter. Soviel zum Thema der Thaddi mag den Martin, das behandelt aber noch nicht die Musik.e JavaScript, falls es in deinem Browser deaktiviert sein sollte.</p>
<p>Thaddeus: Ist mir eigentlich ganz recht so. Denn erstens passt die Platte ja wirklich nicht in die Gemengelage der Zeit damals, und zweitens könnte ich dazu sowieso nichts besonders Qualifiziertes sagen. Ich kaufte die Platte damals, weil sie auf 4AD erschien. Das Label mochte ich ja, wie du weißt, und das Album war Thema. Aus der Erinnerung heraus fand ich das auch ganz gut damals. Und dann passierte Folgendes: Die Platte lag auf dem Plattenspieler, das Fenster war auf. Unser Haus war eingerüstet. Es windete, und als ich wieder auf den Plattenspieler schaute, war „Doolittle“ professionell mit Baustaub eingestaubt. Wie man Platten wäscht, wusste ich damals nicht so richtig und habe es – naja – genau falsch gemacht. Ich hab das Album dann irgendwann weggeschmissen. Das tat mir schon leid, aber motiviert genug, es nochmal zu kaufen, war ich auch nicht. Die Pixies standen ab diesem Zeitpunkt auf meiner Bauhelm-Liste.</p>
<p>Martin: Selbstverständlich war auch ich 4AD-Fan, dieses Album war natürlich auch wegen des Artworks von Vaughn Oliver ein absolutes Must.</p>
<p>Thaddeus: Oh ja, sieht toll aus, eines seiner besten Cover.</p>
<p>Martin: Ich fand die Stücke ganz ordentlich bis „Monkey Gone To Heaven“ kam, das hören wir ja auch gerade. Boom. Den Track habe ich 20 Mal hintereinander gespielt. Ganz großes Tennis! Die Englischkenntnisse eines durchschnittlichen Deutschen wachsen ja langsam im Alter, meine waren damals, nun ja, eher basic. Aber das hier war von Anfang an einer meiner Top-Ten-Tracks und ist er auch heute noch. Ich habe sogar ein paar Jahre später eine Ausstellung danach benannt.</p>
<p>Thaddeus: Über die Lyrics von Black Francis wurde und wird nach wie vor viel gerätselt. Er stammt aus einem religiösen Elternhaus, konkret aus einer Familie, die der Pfingstbewegung angehörte. Als zwangsverpflichteter Charismatiker hat man sicher viel zu verarbeiten. Aber auf diesem Level habe ich mich nicht mit der Band auseinandergesetzt. Ich fand das eher immer schön, wie er brüllt und dass es danach sofort musikalisch in etwas ganz anderes umbricht.</p>
<p>Martin: Genau erfasst, diese Stop-and-go, die zielgenaue Steuerung von Emotionen, einfach genial.</p>
<p>Thaddeus: Der Produzent des Albums, Gil Norton – ein Engländer wohlgemerkt – sagte über die Pixies: „Die schreiben Songs übers Ficken“. Das reicht mir eigentlich vollkommen aus. Aber: Das was ich damals verstand, fand ich angenehm mysteriös und nicht so leicht zu dechiffrieren. Alles im grünen Bereich also. Dieser Norton hat den Sound der Band ja auch ganz professionell aufgebrezelt. „Surfer Rosa“ war schon anders und entstand natürlich auch unter ganz anderen Bedingungen. Mit „Doolittle“ hatten sie in den USA ja schon einen Major-Anschluss und haben das Budget schön auf den Mischpult-Kopf gekloppt. Es ist aber auch ästhetisch eine ganz andere Welt, Steve Albini hatte da beim Vorgänger schon andere Vorstellungen.</p>
<p>Martin: „Doolittle“ ist für mich auch ein Meilenstein, eher ein Schlussstein. Das war das letzte „Wie auch immer du das nennen magst“-Rockalbum, das ich in meine Sammlung schob, ein klarer, mächtiger Tusch – und Schluss. Dann kam HipHop, danach Warp, irgendwas war da bei mir abgeschlossen. Nirvana stand nicht mehr auf meiner Liste.</p>
<p>Thaddeus: Auf meiner auch nicht. Sorry, Kurt. Interessant muss die Zeit damals aber doch gewesen sein, wenn man sich denn für Rockmusik interessiert. Innerhalb von knapp zwei Jahren erschien erst „Surfer Rosa“ von den Pixies, aber auch Sonic Youths „Daydream Nation“, „Superfuzz Bigmuff“ von Mudhoney, „You’re Living All Over Me and Bug“ von Dinosaur Jr., Butthole Surfers’ „Hairway to Steven“ und Galaxie 500s „Today“. Dann kam „Doolittle“. Und wenige Tage später „Bleach“ von Nirvana. Mögen es die Rocker in die Kommentare schreiben, was ich hier für einen Wahnsinn dahin argumentiere, ich nahm das damals nur an der Peripherie wahr. Ich las irgendwo den schönen Vergleich zwischen Pixies und Nirvana. Dass die ersten beiden Alben der Bands jeweils große Ähnlichkeiten aufwiesen. Im Songwriting, in der Produktion, etc. Pixies legen mit „Doolittle“ vor: ausdefinierter, verspielter, und später dann macht Nirvana mit „Nevermind“ das Gleiche – nur eben für Schwerhörige. Fand ich ganz gut.</p>
<p>Martin: „Smells Like Teen Spirit“ kenne ich nur als Track, das Album habe ich nicht angefasst, und das war lange vor Napster, iTunes oder Spotify. Man könnte annehmen, dass genau zu Beginn der Neunziger ein dezenter aber nachhaltiger Bruch stattfand. Wurdest du vor diesem Cut durch eine Single oder einem Track auf eine Band aufmerksam, hast du dir auch das folgende Album reingezogen. Diesen Drang nachzuforschen, mehr zu erfahren oder zu bekommen, nenn es wie du willst, hatte ich ab diesem Zeitpunkt plötzlich nicht mehr.</p>
<p>Thaddeus: Dann bist du ja praktisch der „Patient Zero“ der Generation Spotify. Ich versuche mich zu erinnern, wie das bei mir war. Ich habe eigentlich immer parallel gekauft – Alben und Singles. Oft aber auch nur die Single, wenn mich die LP dann im WOM am Vorhörtresen nicht so gezockt hat. Das „Konzept Album“ wurde zum damaligen Zeitpunkt jedoch noch nicht in Frage gestellt – so wie es in den vergangenen Jahren bei vielen Künstler*innen der Fall war. Das ist ja aber auch ein Genre- und Generations-Phänomen. Auch heute werden Alben ja noch am laufenden Meter produziert, nur eben nicht mehr zwingend überall. Die Bedeutung der LP hat sich verändert und ist manchmal einfach nicht mehr so entscheidend. Man stelle sich vor, die Pixies oder Nirvana wären heute im Studio. Gut, die Pixies waren gerade im Studio, das neue Album erscheint ja schon im September. Wenn es Black Francis gewollt hätte, dann hätte er sich bei Spotify ja eine umfassende Datenanalyse anfordern können. Welche Songs laufen am besten, an welchen Stellen springen die Hörer*innen ab, welcher Track ist vielleicht zu lang? Das sind Informationen, mit denen heute aktiv gearbeitet wird. Eine furchtbare Vorstellung. Nachvollziehbar, aber auch extrem pervers.</p>
<p>Martin: Die Aufmerksamkeitsspanne der Hörer*innen liegt heute deutlich unter drei Minuten. Das kann und möchte ich nicht weiter kommentieren. Es wäre so schön und einfach zu sagen, ich bin da zu alt für, ich bin da raus. Ob ich da mit meiner Annahme recht habe, wann genau der Korken aus der Flasche flog, ist dann auch völlig wumpe.</p>
<p>Thaddeus: Ich weiß gar nicht, ob die Aufmerksamkeitsspanne wirklich gesunken ist bei der Musik. Zieht man das Phänomen größer auf, dann natürlich schon, und das wird auch gewisse Auswirkungen auf die Musik haben, keine Frage. Der Vorwurf, der aktuell diskutiert wird, ist ja der, dass die Songwriter*innen die Länge der Tracks ganz bewusst kürzen, weil sich so mehr Streams und also auch mehr Gelder auf Spotify generieren lassen. Wirklich schlimm finde ich das gar nicht – den Radio-Edit gibt es ja auch schon ewig. Und was der Payola-Mafia lieb war, ist dem Soundcloud-Rapper nur recht.</p>
<p>Martin: Das ist doch albern. Aber so funktioniert Kapitalismus, warum sollte ich mit einem Euro zufrieden sein, wenn du mir auch freiwillig zwei geben möchtest? Und wenn es gerade so megageil ist, gibst du mir auch freudig erregt zehn Euro. Vielleicht ist albern auch einfach der falsche Begriff, im Grunde ist das alles sehr traurig. Der Kunde, das Schaf, die Lemmingnummer, kriegen wir da noch einen Bogen raus?</p>
<p>Thaddeus: Eigentlich kann uns das – also uns beiden – ja auch egal sein. Weil: Wenn was wirklich megageil ist, dann werfen wir die zehn Euro eben auf Bandcamp ein, und Daniel Ek oder Eddy Cue schauen in die Röhre. Wenn die Songs kürzer werden, dann werden sie eben kürzer. Die Pixies haben immer kurze Tracks gemacht, die Verräter, und die Punks erst recht. Wusstest du, dass die aktuell teuerste verkaufte Platte auf discogs.com in England eine Sex-Pistols-7“ ist? There. Kapitalismus my underground ass.</p>
<p>Martin: Was haben alte Fünf-D-Mark-Silbermünzen mit Elvis gemeinsam? Ganz einfach: Wenn es keinen mehr interessiert, ist der Mehrwert im Orbit. Da kannst du dann locker 50.000 Dollar für eine Erstauflage rausgehauen haben, wenn die alte Schmierlocke nicht mehr im Fokus ist, kannst du da Erdnussschälchen draus machen.</p>
<p>Thaddeus: Was ist uns denn nun „Doolittle“ 30 Jahre später noch wert? Mir so geht so: Klingt alles super und crazy, aber ich muss auch konstatieren, dass ich die Band danach nicht weiter verfolgt habe. Das war gar keine bewusste Entscheidung, hat es eher so beiläufig ergeben. Schön eigentlich, dass Black Francis die Kim Deal so schlecht behandelt hat, dass sie schließlich ausstieg und mit The Breeders gemeinsam mit Tanya Donelly etwas hingestellt hat, das heute noch mindestens genauso nachhallt wie der Monkey im Heaven.</p>
<p>Martin: Ich finde das Album immer noch fresh, es kommt ja gerade auch wieder ein dezentes Lüftlein auf, da kann jemand nicht nur Gas geben, sondern auch verschiedene Gänge benutzen – und weiß auch wo der Rückwärtsgang ist. Zehn von zehn Punkten. By the by, wollten wir nicht noch ein bisschen Nirvana dissen?</p>
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		<title>Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm – Heute: Martin Backes – Künstler, Hacker und Musiker</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Martin Raabenstein]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Jun 2019 13:15:33 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm Heute: Martin Backes – Künstler, Hacker und Musiker Das Filter – Protokoll vom 03.6.2019 In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Dieses Mal: Martin Backes. In seiner Kunst ist [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/mitgehoert_martin_backes.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-1936" src="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/mitgehoert_martin_backes.jpg" alt="" width="6667" height="3750" /></a>Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm<br />
Heute: Martin Backes – Künstler, Hacker und Musiker<br />
Das Filter – Protokoll vom 03.6.2019</p>
<p>In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Dieses Mal: Martin Backes. In seiner Kunst ist der Wahlberliner multi- und interdisziplinär unterwegs, Musik dabei oft eine entscheidende Komponente. Das kommt nicht von ungefähr. Denn Backes war erst Club-Betreiber und DJ, bevor er sich mehr und mehr der immersiven Kunst verschrieb. So jemand legt sich nicht auf einen Style, einen Track oder ein Album fest, wenn Martin Raabenstein mithört. Gut so.</p>
<p>Lieber Martin, stell dich doch zunächst kurz vor.</p>
<p>Ich wurde 1977 in Rosenheim geboren. Meine Eltern betrieben damals eine Pension in den Bergen. Dort habe ich aber nur die ersten beiden Jahre meines Lebens verbracht, dann sind wir zurück nach Franken. Aufgewachsen bin in dann also in Schweinfurt im schönen Frankenland. Nach der Schule habe ich eine Ausbildung als Brauer und Mälzer abgeschlossen. Ich war aber nie richtig glücklich damit und habe bereits erste Gehversuche als Musikproduzent und DJ unternommen. Die Kunst hatte es mir ebenfalls angetan. Ich habe dann irgendwann in Bamberg mit Freunden einen Club namens Morph betrieben, wo ich hauptsächlich als Resident DJ tätig war. Später habe ich im ganzen Land aufgelegt und auch in Bands gespielt. Zu diesem Zeitpunkt, also vor rund 25 Jahren, war ich praktisch ständig in Berlin, und die meisten meiner Freunde waren schon längst übergesiedelt.</p>
<p>Der Club hatte mich damals etwas länger gehalten als gewollt, aber so um 2000 bin ich dann ebenfalls nach Berlin gezogen. Das war noch zu D-Mark-Zeiten, verrückt! Ich habe dann erst mal mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt. Danach habe ich zweimal studiert: Sound Studies/Akustische Kommunikation und Mediendesign/-kunst, beides an der UdK Berlin. Während des Studiums habe ich bereits zwei Studios gegründet, die auch immer noch existieren. „Studio Martin Backes“ für meine Kunst und „aconica &#8211; creative lab for sound + media“ für kommerzielle Projekte an der Schnittstelle von Design, Sound und Technologie. Außerdem habe ich viele Jahre als Sound Designer und auch als Interaction/UX- Designer und -Berater gearbeitet. Im Grunde bin ich als Freelancer für andere Firmen tätig, und als Künstler und Unternehmer für meine eigenen bereits erwähnten Unternehmen. Außerdem unterrichte ich seit gut zehn Jahren immer wieder als Dozent an diversen Hochschulen.<span id="more-6699"></span></p>
<p>Schön, dass du uns in deinen musikalischen Alltag schauen lässt. Bevor es damit losgeht: Woran arbeitest du gerade?</p>
<p>Das ist bei mir ja, wie schon weiter oben beschrieben, nicht all zu einfach zu erklären, aber ich kann es gerne einmal versuchen. Beispielsweise habe ich gerade erst meinen Lehrauftrag an der „CODE – University of Applied Sciences“ für dieses Semester beendet. Was mir wieder mehr Zeit für alle anderen Projekte lässt. Zum einen habe ich als Künstler eine neue Arbeit mit dem Namen „Nature Changes Along with Us“ veröffentlicht. Dabei handelt es sich um eine generative 3-Kanal-Computer-/Videoinstallation. Die Arbeit beschäftigt sich thematisch mit dem menschlichen Einfluss auf unseren Planeten und mit unserem sich wandelnden Naturbegriff.</p>
<p>Ein weiteres Kunstprojekt aus meiner Machine Serie (siehe „What do machines sing of?“ und „I am sitting in a machine;”) befindet sich ebenfalls in der Fertigstellung bzw. sitze ich gerade an der Dokumentation. Die Arbeit ist im Endeffekt eine immersive AR-App für mobile Endgeräte bzw. ein 3D-Audio-fähiger Augmented-Reality-Walk, der Fragen nach Identität, Repression, Ungleichheit und Ungerechtigkeit aufwirft, natürlich im Kontext von Maschinen, Gesellschaft und künstlicher Intelligenz. Wer mich kennt, der weiß, dass ich mich relativ viel mit diesem Thema auseinandersetze.</p>
<p>Außerdem verantworte ich seit ca. einem Jahr als Designer und Berater ein großes Sound Branding/Audiovisual Branding Projekt für ein sehr erfolgreiches Berliner Startup. Wir geben dem Unternehmen kurz gesagt einen Klang bzw. eine komplette Strategie, wie mit dem Thema Sound hinsichtlich aller erdenklichen Kundenkontaktpunkte (Customer Touchpoints) umzugehen ist. Später wird das Ganze natürlich noch zu einem allumfassenden audiovisuellen Branding zusammengefasst. Außerdem arbeite ich auch als UX-Designer/Berater mit dem Schwerpunkt Mensch-Maschine-Kommunikation für diverse Firmen und baue zudem noch ein neues Design Sprint Business auf. Gibt also genug zu tun, hätte aber noch Kapazitäten frei …<br />
Was hörst du zur Zeit gerne? Ich höre in der Regel sehr unterschiedliche Sachen. Von klassischer Musik und Rock, über HipHop und sweetesten Soul hin zu elektronischer Musik und harten Klangexperimenten ist alles dabei. Außerdem versuche ich auch so oft es geht über den Tellerrand zu schauen und Musik aus anderen Gefilden zu entdecken, z.B. Musik aus Südamerika, Asien, Mittel- und Südafrika, aber auch aus der arabischen Welt. Ich habe sowohl ein großes Interesse an traditioneller Musik, als auch an neuen Sachen – am besten Musik, die beides vereint. Ich nenne mal ein paar Beispiele. Ich finde Techno aus Mali spannender als den aus Deutschland, oder HipHop aus Brasilien als aus den Staaten, weil sich vor Ort mit den Vermischungen unterschiedlichster Kulturen oft interessante Hybride ergeben. Das ist natürlich überspitzt ausgedrückt, ich höre auch Musik aus den Staaten und Deutschland, sehr gerne sogar. Anbei aber weniger Experiment, als vielmehr was ich aktuell gerne höre bzw. frisch eingetroffen ist.</p>
<p>Was macht es so speziell für dich? Dazu hast du doch bestimmt eine sehr persönliche Geschichte zu erzählen. Was fasziniert dich zum Beispiel an Rosalia?</p>
<p>Bei Rosalia bin ich schlichtweg davon fasziniert, wie sie den Flamenco nahezu komplett reduziert und elektrifiziert hat. Die Mischung aus Flamenco, Electronica, HipHop, Trap und Field Recordings – gewürzt mit einer Prise Auto-Tune – finde ich einfach unglaublich gut. Bei Amnesia Scanner finde ich beispielsweise einfach die Sounds spannend bzw. die audiovisuelle Performance in Zusammenarbeit mit Harm van den Dorpel, die ich beim CTM Festival in Berlin gesehen habe. Little Simz ist endlich mal wieder guter HipHop im Geiste der Golden-Ära-Größen wie Foxy Brown, Lauryn Hill und Missy Elliott. Da die Dame aber von der Insel kommt, klingt das Ganze natürlich mehr nach UK als nach US. Holly Herndons LP „Proto“ finde ich ebenfalls super spannend. Die Tracks sind mit Hilfe einer Künstlichen Intelligenz bzw. Machine-Learning-Algorithmen entstanden. Sie arbeitet mit ihrem Partner Mat Dryhurst und einem Entwickler seit ca. zwei Jahren mit dieser Form der KI. Soweit ich weiß, geht es bei diesem Projekt wohl weniger um Automation als vielmehr um kollaborative Gestaltungsprozesse. Die KI ist nur als ein Mitglied eines 14-köpfigen Ensembles zu verstehen, zu dem auch Dryhurst und Entwickler Jules LaPlace gehören. Die übrigen Mitglieder der Gruppe sind Sängerinnen und Sänger, die die KI mit dem Namen Spawn durch ihren Gesang füttern bzw. trainieren.</p>
<p>Da ich seit einigen Jahren relativ oft in Lissabon bin und die Stadt gerade zu einer Art zweiten Heimat wird, höre ich natürlich auch immer wieder Musik aus Portugal. So hat gerade Branko (ehemals Buraka Som Sistema) vier Jahre nach seinem Solo-Debüt sein zweites Album „Nosso“ veröffentlicht. Songs zwischen Kizomba, Afro-House und Global Pop und zahlreiche internationale Gastauftritte entführen uns hier in den Melting-Pot von Lissabon. Eines meiner Lieblingsalben vom letzten Jahr von Dino D’Santiago stammt ebenfalls aus Lissabon. Dino ist hier in Deutschland leider so gut wie unbekannt. In Portugal hat er gerade sämtliche Preise abgeräumt, verdient, wie ich finde. Branko war auch hier an der Produktion beteiligt – neben Kalaf Epalanga (auch ehemals Buraka Som Sistema) und meinem guten Freund Paul Seiji Dolby (ehemals Bugz in the Attic), mit dem ich bereits vor ca. 20 Jahren das erste Mal aufgelegt habe. Seiji hat mir dann im letzten Jahr die LP schon einmal vorab zugesteckt und mich zu guter Letzt mit aufs Konzert in Lissabon genommen. Das war ein ganz wunderbarer Abend, und irgendwie wurde ich dann zum Fan. Anfangs hat mich die Platte noch gar nicht so in ihren Bann gezogen, aber nach dem Konzert gab es wohl kein Entkommen mehr. Das Album vereint Stile aus der gesamten portugiesischsprachigen Welt, wie beispielsweise aus Mosambik, Kap Verde, Angola, Brasilien, Guinea, São Tomé, ist aber natürlich sehr zeitgemäß produziert, mit genügend Low-End und abgestimmt auf moderne Dancefloors.</p>
<p>Verbringst du generell viel Zeit mit Musik? Wo hörst du am liebsten Musik und warum?</p>
<p>Ich verbringe sehr viel Zeit mit Musik. Ich bin ja quasi seit über 25 Jahren DJ, verfüge über eine riesiges Musikarchiv und produziere schon seit einer Ewigkeit. In meiner Kunst arbeite ich ebenfalls oft mit Ton. Wenn ich morgens aus dem Bett steige, schalte ich in der Regel erst einmal Musik an – ohne Musik geht gar nichts. Nach dem ersten Kaffee begebe ich mich meistens ins Studio bzw. Büro, wo eigentlich immer Musik läuft. Das geht natürlich nur dann, wenn ich selbst nicht gerade mit Ton arbeite. Also wahrscheinlich ist mein Studio der Ort, an dem ich gerade am meisten Musik höre. Da habe ich ein 4.1-Lautsprecher-System mit Subwoofer. Manchmal höre ich auch Musik im Bett, um mich wirklich nur darauf konzentrieren zu können, aber vor allem auch unterwegs und beim Training. Ich habe letztes Jahr ein Paar Bluetooth In-Ear Kopfhörer gefunden, mit denen ich in Sachen Klangqualität endlich zufrieden war. Was ich bis dato an kabellosen In-Ears probiert hatte, war mir schlicht weg zu minderwertig. Ohne diese Kopfhörer gehe ich nicht aus dem Haus.<br />
Was ist deine älteste tonale Erinnerung? Bezüglich Musik würde mir da der Klang bzw. das Schlagzeug meines Vaters einfallen oder die Musiksammlung meines Bruders. Mein Bruder ist gut zehn Jahre älter als ich und war da dementsprechend etwas weiter. Mein Vater hat mich als Kind natürlich nie an sein Schlagzeug gelassen, ich musste also tagsüber heimlich in den Keller, um mal darauf rumhämmern zu können.</p>
<p>Und dein All-time-favourite? Track oder Album?</p>
<p>Solche Fragen beantworte ich in der Regel sehr ungerne, LOL. Da müsste ich mich ja auf nur einen Track oder ein Album festlegen, und das ist mir einfach viel zu eng. Schließlich gibt es so unglaublich viel gute Musik bzw. Lieblingsalben. Aber ich kann gerne einfach mal ein paar Künstler aufzählen. Also beispielsweise wären da Alben von 4hero, Amy Winehouse, A Tribe Called Quest, Air, Aretha Franklin, Aphex Twin, Alva Noto, Alvin Lucier, Anti Pop Consortium, Autechre, Basic Channel, Beastie Boys, Björk, Brian Eno, Bob Marley, Buraka Som Sistema, Burial, Cabaret Voltaire, Can, Cluster, D`Angelo, De La Soul, DJ Shadow, Dr. Dre, Ed Rush, Einstürzende Neubauten, Francisco López, Funkadelic, Grandmaster Flash, Herbie Hancock, James Blake, James Brown, Jamie Lidell, Jimi Hendrix, Janelle Monáe, John Coltrane, John Zorn, Daft Punk, De La Soul, DJ Rashad, Ella Fitzgerald, Flying Lotus, Karlheinz Stockhausen, Kraftwerk, Lauryn Hill, Madonna, Massive Attack, Major Lazer, MIA UK, Michael Jackson, Miles Davis, Missy Elliott, N.W.A, Neptunes, Nina Simone, Nina Simone, Nirvana, Outkast, Pharrell Williams, Prince, Public Enemy, Ray Charles, Roni Size, Reprazent, Run-DMC, Sonic Youth, Optical, Parliament, Photek, Portishead, Prodigy, Stevie Wonder, SuperCollider, Sun Ra, The Art of Noise, The Beatles, The Beach Boys, The KLF, Thundercat, Throbbing Gristle, Wu-Tang Clan. Ich könnte ewig so weiter machen, und wahrscheinlich fallen mir morgen noch weitere ein. Aber ich sag mal: Diese Liste hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit.</p>
<p><a href="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/backes-nature-changes-along-with-us-x.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-1935" src="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/backes-nature-changes-along-with-us-x.jpg" alt="" width="1600" height="900" /></a></p>
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		<title>Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm – Heute: Robert Ries, angehender Politologe</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Martin Raabenstein]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Jun 2019 13:08:28 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm Heute: Robert Ries, angehender Politologe Das Filter – Protokoll vom 20.05.2019 In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Dieses Mal: Robert Ries. Der 23-Jährige studiert Politologie – mit HipHop, [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/mitgehoert-robert-ries-x.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-1930" src="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/mitgehoert-robert-ries-x.jpg" alt="" width="1600" height="900" /></a>Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm<br />
Heute: Robert Ries, angehender Politologe<br />
Das Filter – Protokoll vom 20.05.2019</p>
<p>In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Dieses Mal: Robert Ries. Der 23-Jährige studiert Politologie – mit HipHop, Rock und Techno.</p>
<p>Lieber Robert, stell dich doch zunächst kurz vor.</p>
<p>Geboren wurde ich 1996 in Zweibrücken, als Sohn einer Lehrerin und eines Bildhauers. Dort habe ich auch das Abitur gemacht. Mein dreisemestriges Jura-Studium in Mannheim fand ich nur mäßig spannend, darum wechselte ich 2017 zu Politikwissenschaften mit Beifach Philosophie, ebenfalls in Mannheim. Schon früh war mir die Bedeutung von Bildung klar, darum habe ich immer darauf verzichtet, meine Lehrer grundsätzlich als scheiße abzustempeln. Doch Bildung findet man nicht nur in Klassenzimmern, sondern auch auf der Straße, so bin ich gerade dabei, während eines Urlaubssemesters die Welt zu entdecken. Die Wahrheit liegt nur im Kompromiss. Word!</p>
<p>Schön, dass du uns in deinen musikalischen Alltag schauen lässt. Bevor es damit losgeht: Woran arbeitest du gerade?</p>
<p>Vielen Dank für die Einladung! Wenn man mich sieht, wie ich gerade chille, dann denkt man wahrscheinlich, dass ich viel am Faulenzen bin. Doch das stimmt so nicht ganz. Ich arbeite einfach an mir selbst und versuche, so viele neue Eindrücke aufzunehmen, wie es nur geht. Deshalb habe ich auch mein Studium der Politikwissenschaft und der Philosophie für ein Semester pausiert, um den Frühling in ganz Europa zu verbringen. Ich war schon viel in Westeuropa, also Frankreich, Italien und Belgien unterwegs – den Osten versuche ich mir jetzt via Interrail zu erschließen. Man kann, der Globalisierung sei dank, überall mit Leuten ins Gespräch kommen, und für mich ist das immer sehr aufschlussreich. Die Politik als Ausfluss des jeweiligen kulturellen Verständnisses ist dazu auch ein hervorragender Anknüpfungspunkt. Ich bin sehr froh, von Jura zur Politikwissenschaft gewechselt zu haben, so konnte ich ein enges und lokal begrenztes gegen ein breites und globales Studienfach eintauschen.<span id="more-6698"></span></p>
<p>Was hörst du zur Zeit gerne?</p>
<p>Nas sagt „Let Me Take A Trip Down Memory Lane“, und genau das ist mir auch wieder passiert. Mit den Red Hot Chili Peppers und System Of A Down bin ich in die musikalischen Präferenzen meiner Schulzeit abgetaucht. Also bin ich eher rockig unterwegs – wenn man mich in einem halben Jahr nochmal fragt, bin ich wahrscheinlich aber wieder hiphoppiger. Das sind so die zwei Pole, zwischen denen ich mich bewege. Beim Rock gefallen wir auch noch Bands wie Pearl Jam, Genesis oder Cake. Auf der anderen Seite stehen dann so Sachen wie Dr. Dre, Nas, Afu Ra, Jeru The Damaja oder auch neuere Veröffentlichungen von A$AP Rocky oder Anderson .Paak. Deutschsprachiger HipHop ist ein schwieriges Thema, aber auch hier gibt es Perlen, allen voran Retrogott, aber auch Haftbefehl und mein Lokalheld DCVDNS finden immer wieder ihren Weg in meine Ohren.</p>
<p>Musik bringt mich immer zum Träumen und gerade träume ich eben mehr die sehnsüchtigen Träume von Anthony Kiedis&#8216; Gesang und die groovigen, nach vorne weisenden Träume von Fleas&#8216; Bass. Die Peppers nehmen mich mit an einen Ort, an dem immer angenehme 23 Grad herrschen und wo es eine gute Balance zwischen Arbeit und Entspannung gibt. Für mich ist da eine unglaubliche Leichtigkeit in der Musik, die sich vor allem aus den hoffnungsvollen Melodien speist. Sie wird aber von einer Sehnsucht oder einem Schwermut begleitet, bei denen mir manchmal das Herz zerspringt. Das ist eine schön-traurige Musik, in der die Elemente des Utopischen aufeinandertreffen: Trauer um die Welt in ihrem aktuellen Zustand und Initiative zu ihrer Veränderung.</p>
<p>Dazu kommt dann immer noch Unterschiedliches von allen Seiten. In den langen Nächten auf den Dancefloor höre ich am liebsten Drum and Bass und Techno. Das hängt mir dann immer noch eine Weile nach. Es gibt wunderbar atmosphärische Tracks, vor allem von Leuten wie Maceo Plex oder Stephan Bodzin. Selten besuche ich Orchesterkonzerte. was aber auch einen einmaligen Reiz hat. Nur schade, dass man immer so still dasitzen muss. Jazz und Funk sind irgendwo die Basis von Rock und HipHop – da führt kein Weg dran vorbei. Das ist leider sehr zeitintensiv, und so beschränke ich mich auf die Klassiker und ein paar Rosinen.</p>
<p>Was macht es so speziell für dich?</p>
<p>Ich möchte die Gelegenheit nutzen, meinem ersten iPod zu gedenken. Es war ein gelber Nano der ersten Generation. Den gab es – glaube ich – in acht Farben, und in der Werbung hatte jeder Colourway ein ihm entsprechendes Albumcover. Bei dem Gelben war es Calvin Harris – „I created Disco“. Manchmal haben wir im Schulbus auch untereinander die Player getauscht, wenn einem die eigene Musik zum Hals raushing oder wenn man neue Sachen von anderen entdecken wollte. Dann wurden zu Zwecken der Digitalisierung auch CDs mit nach Hause gegeben, natürlich kam es nie zu Verletzungen des Urheberschutzes. Es war auch immer eine Vertrauensprobe, denn wer wusste schon, ob er am nächsten Tag seine CDs wirklich zurück bekam? Das war eine tolle Zeit und eine tolle Kultur, in der es noch eine echte Wertschätzung für Musik gab. Die Musik, die uns verbunden hat, hat gleichzeitig eine soziale Interaktion befördert. Das passiert mit Spotify nicht mehr, da ist jeder für sich, eigentlich anonym, aber als narzisstischer Individualist sieht er sich als Zentrum der Welt. Es wird weniger geteilt, stattdessen schaufelt man sich voll. Deshalb benutze ich Spotify eigentlich nicht zum Musik hören – ich bleibe lieber bei meinen MP3s. Leute sagen dann: „Aber das ist doch so praktisch. Alle Alben immer verfügbar“. Gib mir das Album „Stadium Arcadium“ von den Peppers und ich habe einen Monat lang Spaß damit.</p>
<p>Verbringst du generell viel Zeit mit Musik? Wo hörst du am liebsten Musik und warum?</p>
<p>Ich höre im Durchschnitt vielleicht anderthalb Stunden Musik am Tag, mehr oder weniger bewusst. Morgens zum Kaffee, beim Abwaschen, Arbeiten oder einfach zur Entspannung. Musik hat aber auch immer einen starken Einfluss auf meine Stimmung und Aufmerksamkeit, da muss ich ein bisschen vorsichtig sein. Wenn ich konzentriert lesen will, dann kann ich zum Beispiel keine Musik hören. Am liebsten höre ich im Bus oder Zug Musik, aus zwei Gründen. Erstens gibt es dort nichts zu verpassen, kein Vogelgezwitscher und keine guten Gespräche, man ist wirklich für sich. Zweitens liebe ich es, aus dem Fenster zu schauen und meine Gedanken der Musik preiszugeben. Da zieht dann eine Landschaft vorbei, winzige Häuser liegen auf einem Hügel, dann ein Fluss, plötzlich eine lange Hecke vor dem Fenster, die ganz dicht an den Gleisen steht, man sieht dann nur grün und dann wieder eine schöne Hügelkette. Oder man fährt nachts durch die Stadt und die Lichter ziehen vorbei. Es sind dann die Momente, in denen die Musik in meinem Kopf den Soundtrack für die Bilder liefert, die ich mit meinen Augen wahrnehme.</p>
<p>Und dein All-time-favourite? Track oder Album?</p>
<p>Ich liebe solche Fragen. Einer der kürzlich hier Interviewten meinte, das wäre eher eine Frage für einen 20-Jährigen. Dem muss ich leider widersprechen. Stattdessen gibt es einfach aus den zwei Genres, die mich zur Zeit am meisten interessieren, sowas wie die Prototypen. Beim HipHop ist das „Illmatic“ von Nas, was wirklich ein Blueprint für HipHop-Alben war und auch über 25 Jahre nach seinem Erscheinen fresh wie immer ist. Beim Rock dann das oben bereits erwähnte „Stadium Arcadium“ von den Peppers – ein großartiges Doppelalbum, auf dem die ganze Bandbreite ihres Könnens zu finden ist. Für die elektronischen Beats empfehle ich hier mal ganz unverschämt meine persönliche Playlist. Da sind viele House- und wenige Tech-House Sachen zu finden. Eignet sich hervorragend als Begleitung zu Kaffee und Zigarette.</p>
<p><a href="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/robert-ries-m.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-1931" src="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/robert-ries-m.jpg" alt="" width="720" height="720" /></a></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm – Heute: Frederik Van de Moortel, Komponist und Sound Designer</title>
		<link>https://iir-berlin.com/mitgehoert-musik-aus-dem-filter-schwarm-heute-frederik-van-de-moortel-komponist-und-sound-designer/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Martin Raabenstein]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 29 Apr 2019 11:22:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[archiv 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[antwerpen]]></category>
		<category><![CDATA[das filter]]></category>
		<category><![CDATA[frederik van de moortel]]></category>
		<category><![CDATA[interview]]></category>
		<category><![CDATA[magazin]]></category>
		<category><![CDATA[martin eugen raabenstein]]></category>
		<category><![CDATA[mitgehört]]></category>
		<category><![CDATA[musik]]></category>
		<category><![CDATA[sounddesign]]></category>
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					<description><![CDATA[Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm Heute: Frederik Van de Moortel, Komponist und Sound Designer Das Filter &#8211; Interview vom 29.04.2019 In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Dieses Mal: Frederik Van de [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/mitgehoert-frederik-van-de-moortel-x.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-1915" src="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/mitgehoert-frederik-van-de-moortel-x.jpg" alt="" width="1600" height="900" /></a>Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm<br />
Heute: Frederik Van de Moortel, Komponist und Sound Designer<br />
Das Filter &#8211; Interview vom 29.04.2019</p>
<p>In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Dieses Mal: Frederik Van de Moortel. Der Belgier hat die Musik für zahlreiche Kinofilme komponiert, ist gefragter Sound Designer und am Theater aktiv. Dabei arbeitet er nicht nur im stillen Kämmerlein seines Antwerpener Studios, sondern gibt seine Expertise auch als Lehrer an die nächsten Generationen weiter. „I design sound“ sagt er über sich selbst. Ein Understatement, das nur Menschen droppen können, die mit so vielen Projekten gleichzeitig jonglieren, wie Jeff Mills früher bei einem DJ-Set Platten brauchte.</p>
<p>Lieber Frederik, stell dich doch zunächst kurz vor.</p>
<p>Mit acht Jahren habe ich mir im Schlafzimmer mein erstes Studio gebaut: mit Tapedeck und einem analogen Synth. Ich wollte Filmmusik machen. Daran hat sich bis heute überhaupt nichts geändert, mehr als drei Jahrzehnte später mache ich noch immer dasselbe. Für weitere 30 Jahre habe ich mich auch schon beworben.</p>
<p>Schön, dass du uns in deinen musikalischen Alltag schauen lässt. Bevor es damit losgeht: Woran arbeitest du gerade?</p>
<p>Ich habe gerade den flämischen Film „Cleo“ und das spanische Mixed-Media-Projekt „El Sustituto“ als Sound Designer und Mixer beendet, ebenso die Komposition für das Theaterstück „Een paar is twe“. Parallel dazu habe ich die Arbeit an dem Animations-Kurzfilm „Lying Angel“ begonnen und werde in Kürze für die holländische Schriftstellerin und Performance-Künstlerin Simone Millsdochter an ihrem neuen Theaterstück arbeiten. Und dann ist da noch mein Lehrauftrag für Sound Design und Komposition an der „Luca School Of Arts“ in Brüssel – das nimmt eine Menge Zeit in Anspruch.<span id="more-6697"></span></p>
<p>Was hörst du zur Zeit gerne?</p>
<p>Ich habe mich schon immer für ein weites Feld an Musik interessiert: um mich zu entspannen, begeistern zu lassen oder einfach aus Recherchegründen. Im Moment untersuche ich die Arbeiten von Astor Piazzolla, Mauricio Kagel und auch Ludwig van Beethoven für meine aktuellen Projekte. „Oblivion“ von Piazzolla spielt eine tragende Rolle in dem oben erwähnten Animationsfilm: Ich versuche herauszubekommen, wie man dieses Stück orchestrieren und in den Score integrieren kann. Für das Theaterstück möchte ich Beethovens Kompositionstechnik mit afrikanischen Rhythmen mischen – eine interessante Herausforderung. Ich könnte mir auch vorstellen hier nur mit Stadtgeräuschen zu spielen, aber man wird sehen.</p>
<p>Um einen gesunden Ausgleich für die Beschäftigung mit klassischer Musik zu bekommen, höre ich gerne Electronica oder Noise, da hole ich mir meine Kicks – Radian, Autechre, Stordeur, Apparat und so weiter. Das versetzt mich dann zurück in meine Jugend, als ich noch mit mehr Beat-orientierten, Noise-lastigen Sachen improvisierend auf der Bühne stand. Musik ist ja immer eine Herausforderung. Für Pianokompositionen höre ich bei Chano Domingues oder Chilly Gonzales rein und wenn ich meinen Kontrabass aufnehmen will, lasse ich mich von Charles Mingus oder Scott Lafaro inspirieren. Mingus ist rauer und erdbebenartiger Sound, Lafaro ist Virtuose im melodischen Zusammenspiel mit Bill Evans – das Spiel funktioniert nur in der Kombination der Musiker. Ich genieße jeden Moment dieser Hörerfahrungen. Wenn ich ansonsten keinen arbeitsbezogenen Grund habe, mich mit Musik zu beschäftigen, mag ich am liebsten Jazz. Belgischen Jazz von Stuff, Aka Moon oder Melanie de Biasio.</p>
<p>Was fasziniert dich ganz konkret daran?</p>
<p>Du hast doch bestimmt eine persönliche Geschichte zu diesen Platten. Ich war schon immer sehr an der Mischung unterschiedlicher Elemente und Kulturen interessiert. Als ich in Antwerpen Jazz studierte, erschien es mir völlig blödsinnig, den US-amerikanischen Swing-Jazz der 1930er-Jahre zu kopieren. Ich war auch nicht so wirklich gut und sah mich außerstande, in die Fußstapfen von Charly Parker zu treten. Mein Lehrer Stephan Gallant (Aka Moon) hat mich dann in seinem Kurs mit indischen und afrikanischen Rhythmen konfrontiert – Polyrhythmen, andere Zählweisen und Kompositionstechniken, das hat mir die Augen geöffnet. Wenn ich mein Tageswerk beendet hatte – und ich musste viel üben aus Mangel an natürlichem Talent –, habe ich mich hinter meinen alten Atari geschmissen und mit meinem Sampler bis in die frühen Morgenstunden elektronische Musik gemacht.</p>
<p>Verbringst du generell viel Zeit mit Musik?</p>
<p>Ich gehe früh morgens ins Studio, arbeite an etwas oder höre Musik, das geht den ganzen Tag so weiter. Ob ich nun selbst etwas einspiele, die Arbeit anderer untersuche, Harmonien und Orchestrierung lerne oder an Mischung und Mastering arbeite, das geht alles Hand in Hand. Ich kann auch keinen Film oder eine Serie sehen, ohne mich mit dem Soundtrack zu beschäftigen. Das ist keine Manie, der Begriff wäre zu negativ, eher ein „Raison d’être“, du kommst niemals zu einem Ende. Es gibt immer ein neues Album oder Stück zu entdecken, eine neue Seite an Erkenntnis aufzublättern, um das Überwältigende, das Tiefgründige einer Komposition zu erforschen.</p>
<p>Wo hörst du am liebsten Musik?</p>
<p>Im Studio. Ich habe es vor etwa einem Jahr gebaut, der Sound dort ist großartig. Ich bin gerade dabei, unser Wohnzimmer aufzupimpen, obwohl ich dort eher weniger experimentellen Sound auflegen kann. Meine Familie hat andere Vorstellungen, was wir zu hören haben, im Studio aber entscheide ich.</p>
<p>Erinnerst du dich, wie du zum ersten Mal mit Musik in Berührung gekommen bist? Was ist deine älteste tonale Erinnerung?</p>
<p>Da habe ich so einige Erinnerungen. Während mein Vater Beatles hörte und es keine klassische Musik bei uns gab, dirigierte mein Onkel Beethovens Neunte im Schlafzimmer, der konnte nur mit seriöser Klassik. Dazwischen mein Großvater, der auf Swing-Jazz stand.</p>
<p>Und dein All-time-favourite? Track oder Album?</p>
<p>Auf ein Album kann ich mich nicht festlegen. „Insen“ oder „Vrioon“ von Alva Noto/Sakamoto – das war eine Erleuchtung. Das Gleiche gilt für Radians „Juxtaposition“ und „The Scarlatti Book“ von Aka Moon. Bei den Tracks wird es noch schwieriger, „Piano Phase“ von Steve Reich, Mingus’ „Orange Was The Colour Of Her Dress“ oder ein Take von Geinoh Yamashirogumis „Akira“- Soundtrack? Maggotbrain? Lumpy Gravy? In a Silent Way? Es ist schwierig, hier alle meine Klassiker unter einen Hut zu bekommen. Das ist auch eher eine Frage für einen 20jährigen. In dem Alter versucht man noch, das beste Album eines Künstlers zu finden. Das interessiert mich nicht. Ich wäre da eher für eine Auswahl der jeweils schlechtesten Arbeiten desselben, das ist auf jeden Fall eine interessantere musikalische Erfahrung.</p>
<p>Ich mag die ganze Vielfalt an Möglichkeiten, Entscheidungen, die Versuche und auch deren Scheitern und die unendlichen Optionen, das alles miteinander zu kombinieren. In unserer „olympischen“ Gesellschaft sitzt der Fokus viel zu sehr auf schneller/höher/weiter, während die Arbeit der meisten Musiker und Komponisten eher auf Kollaboration und Vermischung, Suche und Erfahrung aufbaut. Ich glaube nicht, dass ein Profi hier auf der Jagd nach seinem besten Track ist. Das Ganze entspricht eher einer ungeschützten Arbeit an der eigenen, nackten Seele. Komponieren, wegschmeißen, ein Kampf – ewiges „Trial and Error“. Und plötzlich funktioniert es, die Eier fallen wie von selbst in die Schachtel und es fühlt sich an, als hätte das Stück sich wie von selbst geschrieben. Ob du nun deinem Kumpel was vorspielst und er nicht wirklich in die Höhe springt, oder ein Regisseur dir Vorgaben macht, die du nicht einhalten möchtest: Es ist immer das gleiche Spiel mit Zweifel und Ehrgeiz. Notfalls fängst du morgen früh eben von vorne an. Musik bewegt dich, zaubert dir ein Lächeln aufs Gesicht wenn der Beat endet oder Tränen, wenn das Alt-Saxophon den Kontrapunkt zum Cello spielt. Es ist völlig egal, ob dieser Track der Beste ist, möglicherweise hat du es zum ersten Mal gehört, aber es hat funktioniert. Es macht dich emotional oder gibt dir einen Adrenalinstoß auf eine völlig unerwartete, abstrakte Weise. Was für eine unglaubliche Kunstform! Ich bin ein Novize, ein Neuling, ein Anfänger.</p>
<p><a href="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/frederik-van-de-moortel-portraet-m.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-1914" src="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/frederik-van-de-moortel-portraet-m.jpg" alt="" width="720" height="720" /></a></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Rewind: Klassiker, neu gehört – The Cure – Disintegration (1989)</title>
		<link>https://iir-berlin.com/rewind-klassiker-neu-gehoert-the-cure-disintegration-1989/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Martin Raabenstein]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 24 Apr 2019 12:14:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[archiv 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Reviews]]></category>
		<category><![CDATA[1989]]></category>
		<category><![CDATA[das filter]]></category>
		<category><![CDATA[disintegration]]></category>
		<category><![CDATA[magazin]]></category>
		<category><![CDATA[martin eugen raabenstein]]></category>
		<category><![CDATA[musik]]></category>
		<category><![CDATA[Review]]></category>
		<category><![CDATA[rewind:klassiker neu gehört]]></category>
		<category><![CDATA[thaddeus herrmann]]></category>
		<category><![CDATA[the cure]]></category>
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					<description><![CDATA[Rewind: Klassiker, neu gehört The Cure – Disintegration (1989) Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein vom 17.04.2019 Am 2. Mai 1989 erschien das achte Studioalbum von The Cure. „Disintegration“ gilt als eine der einflussreichsten Platten der Band um Robert Smith überhaupt. Zwei Jahre nach „Kiss Me Kiss Me Kiss Me“, dem im grellem Orange leuchtenden Doppel-Album, kehrt [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/rt-cure-x.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-1908" src="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/rt-cure-x.jpg" alt="" width="1600" height="900" /></a>Rewind: Klassiker, neu gehört<br />
The Cure – Disintegration (1989)<br />
Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein vom 17.04.2019</p>
<p>Am 2. Mai 1989 erschien das achte Studioalbum von The Cure. „Disintegration“ gilt als eine der einflussreichsten Platten der Band um Robert Smith überhaupt. Zwei Jahre nach „Kiss Me Kiss Me Kiss Me“, dem im grellem Orange leuchtenden Doppel-Album, kehrt die im freien Fall befindliche Gruppe zur konzeptuellen Düsternis zurück, die sich jedoch in einem ganz anderen Sound präsentiert. Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann heuern auf einem Öltanker an und schippern 30 Jahre zurück in die Vergangenheit. Zwischen den Stromschnellen der Geschichte des hochtoupierten Leidens wird schnell klar, dass die gemeinsame Seefahrt weder lange dauert, noch lustig ist. Ist das noch innovativ oder nur noch rezitativ? Simon Reynolds wirft den beiden Rezensenten den Rettungsring des Best-of zu, stimmt das „Lullaby“ an, kann aber auch nicht verhindern, dass es kommt, wie es kommen muss. I will always love you.</p>
<p>Martin Raabenstein: Vorsichtige Annäherung von mir diesmal.</p>
<p>Thaddeus Herrmann: Oha, ich rieche Trouble.</p>
<p>Martin: Irgendetwas in mir will mächtig auf die Kacke klopfen, macht es aber nicht.</p>
<p>Thaddeus: Dann erzähle ich dir erstmal, wie ich dieses Album kennengelernt habe. Das muss im Sommer 1990 gewesen sein, also ein Jahr, nachdem es erschienen war. Wir waren auf Kursfahrt in Krakow, es ging gen Auschwitz. Einen Tag machten wir einen Ausflug in ein stillgelegtes Bergwerk. Mit Kapelle und Tennisplatz unter der Erde. Davor war ein kleiner Kiosk und dort kaufte ich das Album auf Bootleg-Tape. Bekam man damals überall in der Gegend – für ungefähr 15 Pfennige pro Kassette. Die restlichen Tage hörte ich die Platte im Walkman. Fand ich toll.<span id="more-6696"></span></p>
<p>Martin: Das ganze Album kannte ich noch gar nicht. Mein Interesse an den späten The Cure ging proportional zur Körperfülle von Herrn Smith stark zurück. 1989 war MTV-at-its-best und „Lullaby“ quasi stündlich auf dem Kanal, an „Lovesong“ kann ich mich auch noch erinnern. War gut, nett, lustige Videos. Punkt. Die anderen Tracks auf „Disintegration“ höre ich nun zum ersten Mal. Mein Rechner ist noch zu keinem Ergebnis gekommen, das Rad des Todes – du sagst Beachball – dreht sich immer noch.</p>
<p>Thaddeus: Haha, rundlich war Smith damals ja noch nicht. Und doch magst du die Platte und ihre guten Songs nicht. Skandal. Die Singles sind okay, aber doch irgendwie ausgeleiert und vergleichsweise labbrig. Der Rest der Platte ist viel besser. Und erstaunlich kompromisslos. Will sagen: Eigentlich ist es ja nur ein Song, den er immer wieder ganz sachte um- und verbiegt. Nun ist dieser eine Song schlichtweg toll, ergo das Album über weite Strecken auch. Was hören wir jetzt?</p>
<p>Martin: Was genau – ehm – findest du an „Plainsong“ toll?</p>
<p>Thaddeus: Lange nicht mehr so wunderbar einlullende Synth-Streicher gehört. So geht es los. Trotz des schleppenden Tempos – Thema der Platte, müssen wir noch drüber reden – entwickelt es sich zu einem beeindruckenden Stück Hymnen-Emulation. Klasse. Und dann nimmt er den gleichen Song einfach noch fünf Mal auf. Dreister Kerl. Ich nenne ihn in der Einzahl und nicht die Band als Ganzes, weil die hatte bei der Platte wenig zu sagen. Hätte er öfter so machen sollen. Aber einordnend betrachtet: Dieses Überbordende gab es ja auch auf dem Vorgänger „Kiss Me Kiss Me Kiss Me“ zu hören – das zerfaserte mir da aber noch zu sehr, wurde immer wieder gebrochen. Hier fließt das einfach dahin. Wem das zu tranig ist, klar, der ist raus. Ich bleib&#8216; derweil aber noch ein bisschen in dem Kahn sitzen.</p>
<p>Martin: Kahn, merkwürdig, die Assoziation hatte ich auch zunächst. Stell dir vor, du liegst an deinem Traumstrand und so ein kilometerlanger Öltanker schiebt sich langsam von rechts in dein Urlaubsidyll rein und parkt dann genau dort. Was tust du? Den Strand wechseln? Okay, du läufst ein paar Buchten weiter, breitest dein Tuch aus, bettest dein Haupt und – da ist er immer noch, dieser monolithische Rieseneimer. Böh.</p>
<p>Thaddeus: Wer liegt da am Beach, wer ist der Kapitän und wer parkt ein?</p>
<p>Martin: Ich höre das Album und bin betäubt. Das Ganze hat etwas, das eigentlich in den Siebzigern ausgestorben zu sein schien. Dinosaurier-Band sagte man dazu. Groß auftretend, aber völlig leer im Inhalt. In meinem Beispiel ist der Öltanker also noch höher, weil er mangels geladener Fracht so richtig hoch auf dem Wasser steht.</p>
<p>Thaddeus: Du hattest schon erwähnt, dass dieses Album für dich schon die späten Cure symbolisiert. Das stimmt ja aber eigentlich gar nicht. Natürlich ließe sich argumentieren, dass die „prägende Zeit“ vorbei war, aber das liegt immer im Auge der Betrachter*innen. Wer so lange dabei ist – 1989 ja schon mehr als zehn Jahre – bespielt ja auch immer mehrere Generationen. À propos: Hast du gerade dein Lieblings-Jahrzehnt in Grund und Boden gedisst? Das lobe ich mir. Auch sonst hast du nicht recht. Mit den Jahren ist bei der Band einfach die viel zu offensichtlich zur Schau gestellte Düsterheit langsam in die Atmosphäre verdampft – ja, der Nebel hat sich gelichtet. Darum stehen die Songs hier auch nackter da – nicht hinter weniger Hall, sonder hinter einem anderen. Klar wird der Tanker damit leichter, kann eleganter manövrieren und dir von Strand zu Strand folgen. Hast du Pech gehabt – der folgt dir bis in den Landwehrkanal hinein.</p>
<p>Martin: Ach Thaddi, du bist echt drollig. Auch andere Jahrzehnte hatten diesen Drang zur Gigantomanie, nur die Siebziger gaben dieser Verausgabung einen Namen, Punk sei Dank. Ein paar zugegebenermaßen wirklich tragische Niedergänge bilden noch lange kein Totalversagen ab. Mit The Human League haben wir neulich den Beginn einer musikalischen Epoche besprochen, das hier ist eindeutig weit hinter deren Ende. Und ich erkläre dir auch, warum ich nicht so richtig die Klappe aufreißen will. Was ich hier höre, macht mich traurig, wie eine ungegossene, verödete, ehemalige Grünfläche. Das klingt wie ein Best-Of-Cure-Album mit neuer Vertonung. Alle über die Jahre verwendeten Elemente dürfen ein kleines Solotänzchen aufführen – und aus die Maus. Danach war bei der Band erst mal Pause, das Nachfolgealbum „Wish“ wurde drei Jahre später releast. Habe ich auch nie gehört. Zurück zu meiner vorsichtigen Haltung. The Cure war nicht die einzige Band, die sich immer tiefer in ihrem eigenen Sog verwirbelte. Ich möchte The Cure aber einfach nicht scheiße finden, dazu liebe ich deren frühe Arbeiten zu sehr. Leg&#8216; „17 Seconds“ auf und ischziehmischnaggischaus!</p>
<p>Thaddeus: Dann hätte wir uns für die 9er-Jahre eben für „Three Imaginary Boys“ entscheiden sollen – von 1979 – und „17 Seconds“ dann nachschieben können. Nun ja. Ich kann so ungefähr nachvollziehen, was dein Problem mit der Platte ist – voll okay. Jeder Track spricht hier auch nicht zu mir, ich bin aber doch erstaunt darüber, wie gut sich andere gehalten haben. Ich mag den Habitus. Minimal ist das alles nicht, aber über weite Strecken doch sehr passend. Ich will Smith und seine Jungs jetzt auch nicht endlos verteidigen – dazu sind sie mir dann doch nicht wichtig genug. Ich bin mit den frühen Hits aufgewachsen, die liefen auf Partys rauf und runter. „Faith“, „Pornography“ – das waren Alben, die ja auch in die Zeit passten, ich aber auch nicht mehr in Echtzeit miterlebt habe. Im Nachhören passte es dann immer noch ganz gut in meine ganz eigene Zeit. In der blieb ich eine Weile hängen. „Kiss Me Kiss Me Kiss Me“ war dann das erste Album, das ich zur VÖ gekauft habe. Fand ich gut, aber auch ein bisschen weird. Verglichen damit passt das hier doch alles bestens zusammen.</p>
<p>Martin: Ich war nie an der Person hinter der Musik interessiert, das war früher schon eher irritierend und ist heute ein unglaublich nerviges Thema. Dieses ganze Jackson-darf-man-Jackson-darf-man-nicht geht mir sowas von auf die Nüsse – und die geschwollenen Hoden des Verliebt-verlobt-verheiratet-Smith an dieser Stelle ziemlich am Mittelfinger vorbei. Ich bin offensichtlich noch nicht alt genug, um wirklich einsehen zu müssen, dass etwas so unglaublich Gutes auch einmal zu seinem Ende kommen muss.</p>
<p>Thaddeus: Da musst du mir jetzt schon noch einiges erklären bitte. Ich interessiere mich auch einen Scheiß für Robert Smith. Trotzdem ordnen wir ja aber die Musik ein. Was jetzt Jackson damit zu tun – You. Tell. Me.</p>
<p>Martin: Smith, so habe ich gelesen, war zur Zeit der Produktion des Albums in Hochzeitsgefühlen, überschwänglich also, derart over-the-top, dass er alles an sich gerissen und dieses Produkt hier quasi im Alleingang hinlegte. Aber eigenartig, dieses Glücksmoment verspüre ich hier nicht, mit Ausnahme von „Lovesong“ vielleicht. Eher ein Ich-bringe-alles-noch-mal-auf-den-Punkt und dann lass uns heiraten. Ein Resümee: Tschüss, war schön hier, aber ich muss jetzt mal poppen gehen. Könnte auch etwas länger dauern.</p>
<p>Thaddeus: Deinen Best-of-Gedanken von eben verstehe ich. Aus Fan-Sicht wäre das ja im Idealfall das perfekte Album. Perfekt finde ich das hier nicht, nur über weite Strecken einfach sehr gut. Um weiter in deinem Kopf zu kramen: Dir ist das a) nicht innovativ genug, sondern vielmehr zu rezitativ und b) zu stromlinienförmig. Liege ich damit richtig?</p>
<p>Martin: Es ist natürlich herrlich, von Herrn Herrmann bekramt zu werden. Musikalisches Erleben ist meiner Meinung nach immer eine Spiegelung des Selbst, vor allem in jungen Jahren. 1989 war ich aber sowas von HipHop-trunken, da war The Cure einfach nicht mehr auf meinem Schirm. Wenn ich jetzt etwas höre, was mich damals nicht interessierte, ist das merkwürdig. Ich möchte The Cure in guter Erinnerung behalten, das Album hier stört mich dabei. Jetzt, nach dem dritten Hördurchgang drängt sich mir so eine mögliche Verbindung zu Shoegaze auf. Möglicherweise haben die Schuhspitzen-Herren zu sehr an der „Disintegration“ geschnüffelt und sich taumelnd in dieses Loch fallen lassen.</p>
<p>Thaddeus: Aus dieser These würde Simon Reynolds ein Buch machen, was unter Umständen sogar ganz unterhaltsam sein könnte. Ich weiß nicht recht, ob ich mich darauf einlassen möchte. Ein großer Einfluss für die Shoegazer*innen war das Album bestimmt, eins zu eins übersetzt wurde hier aber nichts. Das ist eher und mal wieder eine Frage des Gefühls: Der erhabene Duktus der ersten Tracks wirkte nach, wurde auf „Disintegration“ aber natürlich auch nicht erfunden. Und: Shoegaze ist ohnehin ein viel zu heterogener Begriff, kaum mehr als ein musikalischer Regenschirm, unter dem sich ganz unterschiedliche Entwürfe entwickelten. Für mich ist das Album ganz klassisches Cure-Material, trotz allem Wandel. Die betonte Kühle der frühen 1980er-Jahre ist einer gewissen Wärme gewichen, die die Musik natürlich auch für viele Menschen nachvollziehbarer macht – einladender. Der Cocoon öffnet sich – über den Sound. Ob man jedoch mag, was hintenrum passiert, müssen dann alle selbst entscheiden.</p>
<p>Martin: Das Album hat so eine endlose Wiederholung in sich, die Intros wollen gar nicht aufhören, alle starren beim achten Loop irgendwohin, in die Ecke, auf den Verstärker – warum nicht auf die Schuhe? Denselben Track sechsmal variieren, ich möchte nicht in der Haut beziehungsweise in den Augen der zur Begleitband degradierten Musiker gesteckt haben. Darum die Idee mit der Blickrichtung. Nach unten ist sicherlich eine mögliche Lösung.</p>
<p>Thaddeus: Simon? Ja, hi, hier ist Thaddi. Du musst dieses Buch doch nicht schreiben. Nee, hat sich erledigt – der Raabe hat hier gerade ganz wunderbar die These geschärft. Der macht das selbst. Was? Ja, natürlich bekommst du eine Kopie vorab, ist doch Ehrensache.</p>
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		<title>Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm – Heute: Daniel Kujawa, Mode-Designer</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Martin Raabenstein]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Apr 2019 12:40:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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					<description><![CDATA[Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm Heute: Daniel Kujawa, Mode-Designer Das Filter-Interview vom 08.04.2019 In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Dieses Mal: Daniel Kujawa. Traditionelle asiatische Schnitte liefern dem Mode-Designer die Inspiration [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/mitgehoert-daniel-kujawa-x.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-1901" src="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/mitgehoert-daniel-kujawa-x.jpg" alt="" width="1600" height="900" /></a>Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm<br />
Heute: Daniel Kujawa, Mode-Designer<br />
Das Filter-Interview vom 08.04.2019</p>
<p>In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Dieses Mal: Daniel Kujawa. Traditionelle asiatische Schnitte liefern dem Mode-Designer die Inspiration für seine eigenen Kollektionen. Dabei spielt er mit dem Volumen und unterschiedlichen Schichten, um den Träger*innen soviel Freiheit wie möglich zu geben. Lockere Passformen und zum Teil verschlissen wirkende Strukturen bestimmen seinen Stil. Seine Entwürfe, so sagt er, sind ein gleichzeitiges Studium der Grenzen und der Freiheit, die die Bekleidung vorgeben. Wie entsteht solche Mode, bzw.: mit welcher Musik? Martin Raabenstein hat nachgefragt.</p>
<p>Lieber Daniel, stell dich doch zunächst kurz vor.</p>
<p>Geboren wurde ich in einer polnischen Kleinstadt nahe der russischen Grenze. Aus wirtschaftlichen Gründen zogen meine Eltern kurz nach meiner Geburt mit mir und meiner Schwester nach Deutschland – aufgewachsen bin ich in Essen, mitten im Ruhrpott. Dort habe ich auch Ausbildung als Bekleidungstechniker abgeschlossen. Währenddessen arbeitete ich bereits bei einer Designerin in Düsseldorf. Kurz nach meiner Ausbildung habe ich mich eher reflexartig selbstständig gemacht, bin wegen der Liebe nach Berlin gezogen und arbeite seitdem als Designer für mein eigenes Label.</p>
<p>Schön, dass du uns in deinen musikalischen Alltag schauen lässt. Bevor es damit losgeht: Woran arbeitest du gerade?</p>
<p>Ich versuche mal wieder, eine Kollektion auf die Beine zu stellen. Zur Zeit steht noch die Recherche im Vordergrund. Ich probiere viel aus, experimentiere mit Stoffen und neuen Formen – seit Langem beschäftige ich mich erstmals auch wieder mit Färben. Ich kann noch nicht genau sagen, was da entsteht. Zudem liegen noch viele Materialien rum, die benutzt werden wollen. Manche davon habe ich seit fünf Jahren nicht angefasst. Wunderschöne Wollstoffe zum Beispiel, aber auch Reste, die ich aus Japan mitgebracht habe.<span id="more-1899"></span></p>
<p>Was hörst du zur Zeit gerne?</p>
<p>Sehr unterschiedlich. Meine Playlisten bestehen aus einer wirren Mischung. Von Wiener Klassik und Game-Musik über J-Pop und Chansons bis zum experimentellen Elektronik ist wirklich alles dabei. Drei Alben haben es mir im Moment jedoch besonders angetan: „Keira“ von Susso, dem elektronischen Projekt mit Afro-Einschlag des Bassisten Huw Bennett, „Dans ma main“ von Jean-Michel Blais und „Assume Form“ von James Blake.</p>
<p>Was fasziniert dich ganz konkret daran? Du hast doch bestimmt eine persönliche Geschichte zu diesen Platten.</p>
<p>Huw Bennett ist für „Keira“ nach Gambia gereist, hat traditionelle Musik aufgenommen und sie mit kontemporären elektronischen Klängen vermengt. Besonders gefällt mir die Balance, die das Album hat – keines der beiden Elementen wird zum Beiwerk; sie ergänzen sich vielmehr. Die Arbeit von Jean-Michel Blais erinnert mich an eine Mischung aus Nils Frahm und Yann Tiersen, beides Musiker, deren Arbeit ich sehr schätze. Sein erstes Album „Il“ war letztes Jahr eine Entdeckung für mich, „Dans ma main“ hat ein Gefühl und eine zusätzliche Dreidimensionalität, die mich fasziniert und inspiriert. James Blake finde ich schwer zu erklären. Wer ihn gerne hört, weiß warum er es tut oder hat es einfach im Gefühl. Ich finde, dass seine Musik einen ganz eigenen, einzigartigen Klang hat. Mir würde kein anderer Künstler einfallen, mit dem ich ihn vergleichen könnte. Für mich ist Blake tonale Metaphorik und soulige Lyrik.</p>
<p>Verbringst du generell viel Zeit mit Musik?</p>
<p>Ich habe ununterbrochen Musik um mich herum. Ich brauche sie beim Arbeiten, Autofahren und zum Denken. Auch gerne zum Einschlafen. Wenn ich das Haus verlasse, habe ich meine Musik immer dabei. Das ist manchmal hinderlich, denn man verpasst auch gerne in der U-Bahn die Haltestelle, an der man aussteigen wollte.</p>
<p>Erinnerst du dich, wie du zum ersten Mal mit Musik in Berührung gekommen bist? Was ist deine älteste tonale Erinnerung?</p>
<p>Mein Vater war in seiner Freizeit schon immer ein passionierter DJ. Auch meine Mutter hat ständig Musik gehört – für mich was Musik etwas ganz Selbstverständliches. Ich bin mit Künstlern wie Boney M, Depeche Mode, Limahl, Inxs, TLC, Destiny’s Child, Deep Purple und später auch mit Britney Spears aufgewachsen. Als ich drei oder vier war, hat meine Mutter besonders gerne eine argentinische Telenovela namens „Muñeca Brava“ mit Natalia Oreiro in der Hauptrolle geschaut. Oreiro hat auch den Titelsong der Serie „Camblo Dolor“ gesungen – das war das absolute Lieblingslied meines dreijährigen Ichs.</p>
<p>Und dein All-time-favourite? Track oder Album?</p>
<p>Als Album werde ich mir wohl „For Emma, Forever Ago“ von Bon Iver immer anhören können. Mein Lieblings-Track bleibt derweil „Cosmic Love“ von Florence + The Machine.</p>
<p><a href="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/dk_porträt.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-1900" src="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/dk_porträt.jpg" alt="" width="825" height="825" /></a></p>
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		<title>Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm – Heute: Enrique Domenech, DJ und Beat-Sammler</title>
		<link>https://iir-berlin.com/mitgehoert-musik-aus-dem-filter-schwarm-heute-enrique-domenech-dj-und-beat-sammler/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Martin Raabenstein]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Apr 2019 12:35:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[archiv 2019]]></category>
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					<description><![CDATA[Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm Heute: Enrique Domenech, DJ und Beat-Sammler Das Filter-Interview vom 25.03.2019 In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Dieses Mal: Enrique Domenech. Der Spanier lebt und mixt im [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/mitgehoert-enrique-domenech-illu-x.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-1896" src="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/mitgehoert-enrique-domenech-illu-x.jpg" alt="" width="1600" height="900" /></a>Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm<br />
Heute: Enrique Domenech, DJ und Beat-Sammler<br />
Das Filter-Interview vom 25.03.2019</p>
<p>In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Dieses Mal: Enrique Domenech. Der Spanier lebt und mixt im spanischen Alicante. Seine große Liebe ist der Jazz. Und weil der in allen nur erdenklichen Genres seine Spuren hinterlassen hat, hört und spielt Enrique querbeet und wieder zurück. Hören kann man das in Clubs, im Radio und in seiner neuen Mix-Reihe „Freeforms“, für die er sogar ein grafisches Wegeleitsystem entworfen hat, damit sich die Beats nicht verlaufen. Und auch für uns hat er schwuppdiwupp noch einen exklusiven Mix gemacht.</p>
<p>Lieber Enrique, magst du dich zunächst kurz vorstellen?</p>
<p>Geboren bin ich 1972 in Alicante, Spanien. So ungefähr mit zwölf Jahren begann ich mich für Musik zu interessieren. Als 19-Jähriger fing ich an meine eigenen Mixe zu bauen, mit 22 legte ich dann in verschiedenen Clubs meiner Heimatstadt und in der Umgebung auf. Fünf Jahre später zog ich nach Dublin, nahm die Sache ernster, fing an intensiv Vinyl zu sammeln und hatte ab 2000 meine eigene Radioshow auf Power FM. Ab 2006 war ich verantwortlich für die Fusionova021 Records Radioshow, die auf Ibiza Sonica und diversen anderen Sendern in ganz Europa ausgestrahlt wurde. Kurze Zeit später verschlug es mich nach Ibiza, spielte regelmäßig im Café del Mar, aber auch zusammen mit Carl Craig, Richard Dorfmeister, Jazzanova, Biggabush und Ben Mono. Um das Management von José Padilla habe ich mich auch mal gekümmert. Seit 2011 lebe ich wieder in Alicante.</p>
<p>Schön, dass du uns in deinen musikalischen Alltag schauen lässt. Bevor es damit losgeht: Woran arbeitest du gerade?</p>
<p>Vornehmlich an meiner Podcast- bzw. Mix-Serie „Freeforms“. Ich interessiere mich für so viele unterschiedliche Arten von Musik, dass da dringend Ordnung rein muss. Ich habe mir dafür ein grafisches System ausgedacht, das mit geometrischen Formen arbeitet. So kategorisiere ich unterschiedliche Genres erst für mich selbst und dann für die Mixe. Das Dreiecks steht dabei für das, was ich „modern beats“ nenne – irgendwas zwischen HipHop, R&amp;B und neuem Soul. Der Kreis dreht sich um eher klassische Tracks, da kommt dann auch Afro und Latin ins Spiel. Das Quadrat ist Stichwortgeber für den 4/4-Dancefloor. Und schließlich gibt noch eine weitere Kreisform, die aber grafisch eher gebrochen ist – hier versammle ich all das, was die Grundlage für Freeforms ist: Jazz.<span id="more-1894"></span></p>
<p>Die Antwort auf die nächste Frage dürfte lang ausfallen: Was hörst du zur Zeit gerne?</p>
<p>Ach, ich kann das gut klammern: Jazz, Electronica, Beats, Soul und Funk. Marc de Clive-Lowes neues Album „Heritage“, das erste einer Zweier-Serie, ist einfach unglaublich! David Borsus aktueller Release „Kaleidophonique“ ist auch wunderbar. Ich mag auch alles, was auf Tokyo Dawn rauskommt und beobachte mit großem Interesse, was in der britischen Jazz-Szene so im Moment so geht. Aber ich glaube deine Frage zielt auf eine einzige, klare Antwort ab. Ich würde mich also für GoGo Penguin und „A Humdrum Star“ entscheiden. Einfach atemberaubend. Einige der Tracks finden sich auch in meinem Mix, den ich für diese Ausgabe von „Mitgehört“ gemacht habe.</p>
<p>Was fasziniert dich ganz konkret daran?</p>
<p>Nun, obwohl ich die Musiker nicht persönlich kenne, habe ich einen unglaublichen Respekt vor ihrer Arbeit. Ich spiele das nun schon seit Jahren in meinen Radioshows und hatte letztes Jahr endlich auch die Gelegenheit, sie live zu sehen. Das war auf meinem spanischen Lieblingsfestival in San Sebastian, dem Jazzaldia. Mind blown.</p>
<p>Verbringst du generell viel Zeit mit Musik?</p>
<p>Leider nie genug. Es gibt so viel gute Musik da draußen und es kommt immer was Neues, was mich natürlich sehr freut.</p>
<p>Wie hörst du denn am liebsten Musik? Hast du eine bevorzugte Abhöre?</p>
<p>Gemütlich auf dem Sofa, im Auto oder beim Abhängen am Strand oder wo auch immer es ruhig und angenehm ist.</p>
<p>Was ist deine älteste tonale Erinnerung?</p>
<p>Mein Onkel Alvaro war DJ in den 1980er-Jahren, und ich habe viel Zeit mit ihm in seinem Musikzimmer verbracht. Da liefen zum Beispiel Earth, Wind &amp; Fire, Kool &amp; The Gang, Imagination, Stevie Wonder, oder Madonna.</p>
<p>Und dein All-time-favourite? Track oder Album?</p>
<p>„What Colour Is Love“ von Terry Callier ist mein Track, Miles Davis’ „Doo-Bop“ mein Album.</p>
<p><a href="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/Enrique_Domenech_final.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-1895" src="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/Enrique_Domenech_final.jpg" alt="" width="800" height="800" /></a></p>
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		<title>Rewind: Klassiker, neu gehört – The Human League – Reproduction (1979)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Martin Raabenstein]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 Mar 2019 13:13:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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		<category><![CDATA[Rewind: Klassiker neu gehört]]></category>
		<category><![CDATA[thaddeus herrmann]]></category>
		<category><![CDATA[the human league]]></category>
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					<description><![CDATA[Rewind: Klassiker, neu gehört The Human League – Reproduction (1979) Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein vom 18.03.2019 Nachdem Kraftwerk die britischen Motorways hoch und runter gefahren waren, begann die Jugend auch in Sheffield Ende der 1970-Jahre damit, dem Punk das Filter abzudrehen. Mittendrin: Martyn Ware und Ian Marsh, die als „The Future“ ebenjene Zukunft mit Synthesizern [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/roundtable-the-human-league-x.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-1888" src="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/roundtable-the-human-league-x.jpg" alt="" width="1600" height="900" /></a>Rewind: Klassiker, neu gehört<br />
The Human League – Reproduction (1979)<br />
Das Filter – Gespräch: Thaddeus Herrmann, Martin Raabenstein vom 18.03.2019</p>
<p>Nachdem Kraftwerk die britischen Motorways hoch und runter gefahren waren, begann die Jugend auch in Sheffield Ende der 1970-Jahre damit, dem Punk das Filter abzudrehen. Mittendrin: Martyn Ware und Ian Marsh, die als „The Future“ ebenjene Zukunft mit Synthesizern suchten. Wie die klingt, weiß man ja nie so genau. Gemeinsam mit dem Sänger Phil Oakey nahmen sie als The Human League den Klassiker „Being Boiled“ auf und fanden sich danach mit Major-Vertrag im Studio wieder, um ihr erstes Album aufzunehmen. „Reproduction“ floppte, wie das Album einer außerhalb Sheffields praktisch unbekannten Band mit tatsächlich futuristischer, aber nischiger Single nur floppen kann. Zwei Jahre später trennte sich das Trio. Oakey behielt den Namen der Band und wurde Popstar, Ware und Marsh gründeten Heaven 17 und taten es ihm gleich. „Reproduction“ gilt bis heute dennoch als tragende Säule der elektronischen Musik, made in Sheffield. Warum eigentlich? Fragen sich auch Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann. Denn während Cabaret Voltaire die poröse Gegenwart der nordenglischen Stadt in sägendes Sound Design verpackten, entwickelte sich bei The Human League ein popmusikalisches Konstrukt, das – wenn überhaupt – nur noch ob der Dystopie-informierten Texte nach Zukunft riecht. Ist dieses Album nun ein viel zu früh totgetrampeltes und missverstandenes zartes Pflänzchen der elektronischen Musik oder doch nur ein überhasteter Versuch, es allen recht zu machen?</p>
<p>Martin Raabenstein: „Reproduction“ ist ein Album, das hervorragend zu meiner These passt: Die besten 80er-Alben stammen aus den 70ern. Die waren meiner Meinung nach nämlich erst 1983 zu Ende. Spannend auch das Erscheinungsdatum – 1979, das Jahr des Amtsantritts Margaret Thatchers. Ihr glühender EU-Skeptizismus, der heute, vierzig Jahre später, noch zynisch mit schwelenden Wunden spielt, ist der eine, unverzeihliche Fehler der konservativ-irren Wuchtbrumme. Wie sie hingegen mit ihrem eigenen Land umging, vor allem dem Norden, ist irreparabel. Liverpool, Manchester, Leeds und Sheffield, die einstigen Industriegrößen des Vereinten Königreiches gingen zu Boden – Massenarbeitslosigkeit war die Folge. In diesem zutiefst rauen Klima entsteht der erste Release der Band. Sind die Briten nur gut, wenn es ums Kämpfen geht?</p>
<p>Thaddeus Herrmann: Sind sie denn jetzt aktuell auch wieder besonders gut?</p>
<p>Martin: Heute? Das ist für mich kein Kampf. Kulturelles Desinteresse und fehlgeleitetes politisches Kalkül umschleichen sich hier in einer üblen Scharade. So sehr ich den Begriff „Der kleine Mann“ auch hasse – dieser ist der Leidtragende, damals wie heute. Musikalisch spiegelte sich das vor 40 Jahren sicherlich um einiges deutlicher wieder. Dystopie und Science-Fiction waren wichtige Einflüsse – die kleine Flucht in übergroße, dunkle oder ferne zukünftige Welten. „Empire State Human“ ist da ein gutes Beispiel.<span id="more-1887"></span></p>
<p>Thaddeus: Und auch einer der meiner Meinung nach guten Tracks auf der Platte. Vorweg: Ich komme auf das Album nur ganz bedingt klar. Hier passt vieles einfach nicht zusammen. Im Idealfall ließe dieser Zustand eine wunderbare Reibung entstehen, an der man sich diskursiv entlang hangeln könnte – hier ist das nicht so. Oakey singt sich einen und kümmert sich nicht um den Rest, der leider auch nicht sonderlich gut ist. Die Lyrics finde ich eigentlich noch ganz okay, haben aber einen gewissen Call-to-action-Habitus, der mir deutlich überbetont vorkommt. Weil er in der Musik weder abgebildet noch aufgefangen wird. Mir ist das alles zu gewöhnlich, zu sehr Pub-Pop als alles andere. Da gab es viel bessere Entwürfe – in der Stadt, in der Zeit. Das mag der Entstehung der Platte geschuldet sein, ist mir ehrlich gesagt aber auch egal. Die reine Lehre des Sturm und Drang des Synthpop schimmert hier immer wieder durch, wird für meinen Geschmack aber mit zu viel musikalischem Marmite zugekleistert, bzw. nicht zu Ende gedacht. Schade eigentlich. Und irgendwie auch überraschend. Denn es ist natürlich nicht die erste Veröffentlichung von The Human League, sondern lediglich ihr Major-Debüt, wobei ja nicht mal das stimmt. Bei Virgin war man nach Vertragsunterzeichnung derart vergnatzt über die ersten Demos, dass die A&amp;R-Abteilung mehr Pop forderte, worauf die Band sagte: Gut, aber nicht unter unserem Namen. „Reproduction“ scheint daher ein unwirtlicher Kompromiss, bei dem niemand gewinnt. Once again: Schade eigentlich. oder aktiviere JavaScript, falls es in deinem Browser deaktiviert sein sollte.</p>
<p>Martin: Stimmt, als Release an sich lockt man hier keine Katzen hinter dem Ofen vor. Gleichzeitig ist diese Ansammlung von unausgegorenen Entwürfen aber dennoch ein interessanter Blueprint für vieles, was da noch die kommenden Jahre kommen sollte und schlicht einfach besser ausgebaut wurde – ein unaufgeräumter, schneller Erstentwurf. John Foxx mischt die dünne Brühe ein Jahr später mit „Metamatic“ neu an, ordnet und klärt. Und – die angesprochene Problematik mit Oakey habe ich auch. Der zeigt später, nach der Auflösung der ursprünglichen Truppe, was er drauf hat, und das ist nicht meine Tasse Tee. „Reproduction“ hat aber auch lichte Momente, da schimmert schon die geniale Arbeit von Martyn Ware und Craig Marsh durch, die später mit Heaven 17 nicht nur für mich so richtig durch die Decke gingen. Also, nice idea Jungens, wenigstens dafür ein Heldensternchen.</p>
<p>Thaddeus: „Genial“ und Heaven 17 passt für mich persönlich nicht zusammen, das ist hier an dieser Stelle aber nicht wichtig. Denn ich stimme dir vollkommen zu: In der Band muss es in kürzester Zeit einen musikalischen Bruch gegeben haben. Von der EP „The Dignity Of Labour“ mit ihren eher kantigen und milchbubig-schroffen Entwürfen – instrumental – hin zu diesem im Rahmen der produktionstechnisch doch eher prekären Möglichkeiten überzuckerten Songs. Bei denen die Band gleichzeitig aber dieses Roughe nicht aufgeben will. Genau das macht es für mich so unentschieden und wahnsinnig blass. Bei Heaven 17 spielte all das dann zum Glück keine Rolle mehr. Dieses Projekt war ja auch von vornherein als Statement angelegt – und bestimmt auch ein kathartisches Produkt nach dem Zerwürfnis zwischen Ware und Marsh auf der einen und Oakey auf der anderen Seite. Alles wumpe. Bleiben wir bei diesem Album: Der Dreh mit John Foxx ist interessant. Ich höre bei ihm im Arrangement Ähnlichkeiten zu dem, was Oakey hier am Mikro macht. Ein teils irritierendes Storytelling mit nervigen Harmonien. Bei Foxx passt das alles. Der hatte eine Vision. Die höre ich hier nicht.</p>
<p>Martin: Oder nimm das 1980er-Album „Fireside Favourites“ von Fad Gadget. Da ist alles aus einem Guss – Lyrics und Musik haben einen handfesten Grip. Die Ideen mögen ja fast zeitgleich entstanden sein – dennoch, hier auf „Reproduction“ habe ich den Kern der Idee zuerst gehört, darum die verzeihende Geste. Von den schlimmen Arschpickel-Treibern wie „Morale&#8230; You’ve Lost That Loving Feeling“ möchte ich gar nicht reden. Könnte ich zeitreisen, ich würde die Crew im Studio à la Men-In-Black einfach blitzdingsen und sie so vergessen machen, dass dieser Murks überhaupt existiert. Wenn ich es mir recht überlege, mache ich das jetzt gleich mal.</p>
<p>Thaddeus: Gut, während du unterwegs bist und Fakten schaffst, ein kleines PSA meinerseits: Fad Gadget machen wir nächstes Jahr. Freue ich mich schon drauf – auf die Musik und die Diskussion darüber, was das eigentlich für ein Album ist. Das ist ja eine ganz andere Schule. Das erste Album von Fad Gadget höre ich eher als Rock-Platte. Schocker. Und noch einen hinterher: „Morale&#8230; You’ve Lost That Loving Feeling“ ist für mich einer der besseren Tracks auf „Reproduction“. Warum? Weil hier Oakey einfach so ist, wie er ist. Nicht aufgemotzt mit drei Tonnen Chorus und auch nicht gedoppelt. Ist aber auch eine Coverversion. Trotzdem: Ich werde aus den Jungs hier in Sheffield nicht so recht schlau. Vor The Human League – der Name ist ja eine direkte SciFi-Referenz – nannten sie sich The Future. An irgendwas waren die also dran, zumindest in ihren Jugendzimmern. Post-Punk war auch gerade. Ich verstehe ums Verrecken nicht, wie man dann ernsthaft auf diesem Album mit rockistischen Metaphern kokettieren kann und dann auch noch mit den falschen! Opulente Synth-Soli, angetäuschte Mitsing-Chords, kleinteiliges Muckertum am Monosynth. Mir will die ganze Zeit „Clockwork Orange“ mit dem Soundtrack von Wendy Carlos nicht aus dem Kopf. Hier passte die Musik exakt aufs Bild. Bei The Human League gibt es zu viele Brüche, die Musik entfernt sich nicht radikal genug von der Tradition.</p>
<p>Martin: So ist das nun mal, wenn man Jungs alleine sandeln lässt. Der Sache fehlt ein richtiger Producer. Nach Oakeys eigener Aussage in der BBC-Brit-Synth-Doku haben die Kraftwerks in England so richtig Wellen geschlagen. Die „Dignity Of Labour“-EP ist da ein schlagender Beweis. Nur: Wer Düsseldorf mag und sowas auch machen will, muss eben auch das Konzept dahinter verstehen, um es auf die Rille zu bringen. Es ist ja nicht so, dass die vier deutschen Roboter keinen Pop draufhatten. Unentschiedenheit verspielt hier leider die Wirkkraft eines möglichen musikalischen Meilensteins. „Reproduction“ ist einfach ein Sammelsurium kleiner, schöner Momente, nicht mehr und nicht weniger. Nimm „Blind Youth“ als Beispiel. Die Delgado/Görl-DAF-Resttruppe hat da kräftig dran geleckt und anschließend alles besser gemacht. Dass bei denen dann jeder Track ähnlich gestrickt ist, ist wiederum ein ganz anderes Problem.</p>
<p>Thaddeus: Das will doch eigentlich nur Disco sein, oder? Ist es aber nicht. Noch ein Wort zu „Da fehlt ein richtiger Producer“. Weiß ich nicht. Ich könnte jetzt so böse sein, mich hinstellen und behaupten: Die wussten es einfach nicht besser. Weil die Clubs in Sheffield halt nicht so gut waren wie in London. Oder sagen: Zu mehr hat es einfach nicht gereicht – Talent-wise. Aber das stimmt ja alles nicht. Es gab zur genau gleichen Zeit aus Sheffield bereits deutlich bessere und radikalere Entwürfe. An denen hatte das Trio offenbar kein Interesse, was auch vollkommen in Ordnung ist. The Human League 1979: Das ist so kratzbürstiges Discodancing, aber auf der Tanzfläche liest man natürlich Ballard. Mir zu prätentiös.</p>
<p>Martin: Du meinst Disco wie Moroders „I Feel Love“?</p>
<p>Thaddeus: Eben nicht, ich meine Disco im Sinne von Diskothek. Von diesem Album hier bleibt kaum mehr hängen als ein Hauch von arty Jugendclub. Was mich überrascht, denn – wie ich schon sagte – hatte die Band zuvor ja schon was hingestellt. Man kann von „Being Boiled“ halten, was man will: Ein Statement ist es allemal. Das ist in all seiner in die Jahre gekommenen popkulturellen Überschätzung ein Stück Techno. Das hat Vision. Das ist bold, genau wie die B-Seite. Die dortige Version von „Circus Of Death“ ist sensationell abstrahiertes Sound Design mit tatsächlich passenden Vocals. Die Album-Version ist weichgespültes Desinteresse an der eigenen Würde.</p>
<p>Martin: Tja, das schlappe Album nach einer starken Single. Belassen wir unsere tiefgründigen Tauchgänge einfach im Interessenkonflikt der beteiligten Parteien. Du stehst nicht auf Heaven 17? Komm mal ein wenig näher, du!</p>
<p>Thaddeus: Neee, ist mir viel zu heikel. Denn wir haben hier einen kleinen Scherbenhaufen produziert, der eigentlich gar nicht in unsere Reihe passt. Ist das ein Klassiker? Ich sage nein. Blaupause? Zu 95 Prozent auch nein. Vielleicht hätten wir lieber etwas von Cabaret Voltaire hören sollen oder Clock DVA. Um einigermaßen versöhnlich zu enden, suche ich mal „Travelogue“ raus, das zweite Album von 1980. Das war besser. Hier – auf „Reproduction“ – steht mir die Zeit zu still</p>
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		<title>Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm – Heute: Dag Rosenqvist, Musiker</title>
		<link>https://iir-berlin.com/mitgehoert-musik-aus-dem-filter-schwarm-heute-dag-rosenqvist-musiker/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Martin Raabenstein]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 11 Mar 2019 16:32:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[archiv 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
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					<description><![CDATA[Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm Heute: Dag Rosenqvist, Musiker Das Filter-Interview vom 25.02.2019 In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Dieses Mal: Dag Rosenqvist. Wer sich schon länger mit elektronischer Musik auseinandersetzt, [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/mitgehoert_dag.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-1885" src="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/mitgehoert_dag.jpg" alt="" width="6667" height="3750" /></a>Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm<br />
Heute: Dag Rosenqvist, Musiker<br />
Das Filter-Interview vom 25.02.2019</p>
<p>In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Dieses Mal: Dag Rosenqvist. Wer sich schon länger mit elektronischer Musik auseinandersetzt, kennt den Schweden vielleicht noch als Jasper TX. Über 30 Veröffentlichungen gehen mittlerweile auf sein Konto – auf Labeln wie Karaoke Kalk, Miasmah, Denovali oder auch n5MD. Auch in den Soundtracks immer größerer Filme wird seine Musik mittlerweile oft verwendet. Bei Rosenqvist heißt es: Musik, 24/7.</p>
<p>Lieber Dag, magst du dich zunächst kurz vorstellen?</p>
<p>Ich veröffentliche seit 2005 Musik. Solo und zusammen mit anderen Musikern. Zum Beispiel mit Aaron Martin als From the Mouth of the Sun. 2016 wurden drei Stücke unseres gemeinsames Albums „Woven Tide“ in Jeff Nichols’ Film „Midnight Special“ untergebracht. Auch am Soundtrack von „Menashe“ haben wir gemeinsam gearbeitet. Ich schreibe auch immer wieder mal die Musik für Tanztheater, vor allem für schwedische Kompanien. Auch ein Ballett im London Royal Opera House durfte ich bereits vertonen.<br />
Schön, dass du uns in deinen musikalischen Alltag schauen lässt.</p>
<p>Bevor es damit losgeht: Woran arbeitest du gerade?</p>
<p>An drei tatsächlich sehr unterschiedlichen Solo-Platten. Das eine folgt der Richtung meines 2016er-Albums „Elephant“, das zweite ist eher Synthesizer-basiert. Ich habe da großen Spaß dran, es ist aber auch eine echte Herausforderung für mich. Gerade hat der wie ich finde phänomenale Schlagzeuger Pontus Torstensson – vielleicht kennt ihr ja sein Solo-Projekt Tentakel – für einen Track die Aufnahmen gemacht. Es fühlt sich richtig super an Dinge auszuprobieren, die man so noch nie gemacht hat. Die dritte Platte ist eher Song-basiert. Ich habe einige Sänger eingeladen, mit mir daran zu arbeiten. Möglicherweise wird dies so weit meine zugänglichste Arbeit sein. Die Gesangsspuren, die ich bisher erhalten habe, sind wirklich fantastisch. Mich bestätigt das – man weiß ja nie, was die Künstler aus einer Grundidee machen. Praktisch nebenher mache ich noch das Sound Design für die nächste Tanz-Performance der Göteborger Kompanie Danskompaniet Spinn.<span id="more-1883"></span></p>
<p>Bleibt bei so vielen Projekten überhaupt Zeit, „privat“ Musik zu hören? Was dreht sich nach Feierabend bei dir?</p>
<p>Eigentlich alles von Jason Molina. Ich bewundere ihn schon sehr lange, und mit der Zeit wächst meine Begeisterung nach wie vor. Ich finde es faszinierend, wie er diese seine ganz eigenen Vorstellungen zusammenbaut, und mit immer wiederkehrenden Bildern und Motiven umgeht. Seine Alben wirken gleichzeitig sehr präzise geplant und klingen dennoch sehr entspannt und spontan. Gewisse Akkorde und Strukturen tauchen immer wieder auf, ganz so als wäre er noch nicht richtig fertig damit und das ganze nochmal von einem anderen Blickwinkel angehen. Und seine Stimme natürlich, die dich bis ins Mark erschüttert – da schwingt so viel Verletzung, Liebe, Dunkelheit und Leben mit. Was für ein brillanter Musiker. Es ist so unglaublich schade, dass er so jung verstorben ist. „Didn’t It Rain“ ist mein Lieblingsalbum.</p>
<p>Mir scheint, du verbringst extrem viel Zeit mit Musik.</p>
<p>Ja, sehr viel. Ich lege eigentlich immer sofort eine Platte auf – ob ich nun morgens aufstehe oder gerade nach Hause komme. Ich mag es von Musik umgeben zu sein, selbst wenn es nur ein Sound-Teppich ist. Da hat sich etwas verändert bei mir – früher mochte ich Hintergrundmusik nämlich gar nicht. Einzig wenn ich lese oder spazieren gehe habe ich gerne meine Ruhe. Dann möchte ich meine natürliche Umgebung wahrnehmen.</p>
<p>Wo hörst du am liebsten Musik und warum?</p>
<p>Perfekt ist es, auf dem Sofa bei voller Konzentration ein Album zu hören. Meine liebste Beschäftigung ist es auf dem Sofa zu sitzen und einem guten Album die volle Aufmerksamkeit zu schenken, manchmal auch bei einem Bier, umgeben von all meinen Büchern, Platten und Pflanzen. Das ist hart zu toppen.<br />
Was ist deine älteste tonale Erinnerung? Da bin ich mir nicht so sicher. Aber ich kann mich an den Moment erinnern, in dem ich wusste, dass ich Kontrabass lernen will. Eines Tages war die lokale Musikschule bei uns in der Schule zu Gast, und wir Kinder konnten ganz unterschiedliche Instrumente ausprobieren. Als ich dieses massive Instrument in den Händen hielt und die tiefen Vibrationen durch mich hindurchgingen, war ich angefixt. Ich mag diese Bass-Frequenzen heute immer noch.</p>
<p>Und dein All-time-favourite? Track oder Album?</p>
<p>Schwierige Frage. Wenn ich mich aber wirklich entscheiden müsste, wäre das „Through Silver In Blood“ von Neurosis, auch wenn die späteren Alben besser klingen – Steve Albini weiß einfach, was er tut. Mit diesem Release aber hat mich die Gruppe richtig gepackt. Ich hatte zwar „Enemy Of The Sun“ und „Souls At Sero“ schon vorher gehört, bei „Locust Star“, „Aeon“ und natürlich dem Titeltrack wusste ich, das ist etwas völlig anderes. Bei dieser Platte habe ich auch gelernt, wie ein Album funktionieren sollte – zielgerichtet, mit klarer Dramaturgie und viel Dynamik, Schönheit und Licht, gepaart mit undurchdringlicher Dunkelheit – alles verpackt zu einer phänomenalen Einheit. Ich wusste vorher nicht, dass der Blick in den Abgrund so lebensbejahend sein könnte.</p>
<p><a href="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/dag_person.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-1884" src="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/dag_person.jpg" alt="" width="1000" height="1000" /></a></p>
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		<title>Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm – Heute: Frank Spiewack, Consultant</title>
		<link>https://iir-berlin.com/mitgehoert-musik-aus-dem-filter-schwarm-heute-frank-spiewack-consultant/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Martin Raabenstein]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 11 Mar 2019 16:27:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[archiv 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
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					<description><![CDATA[Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm Heute: Frank Spiewack, Consultant Das Filter Interview vom 11.03.2019 In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Dieses Mal: Frank Spiewack. In den 1980er-Jahren hätte durchaus ein Musiker [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/mitgehoert_frank_spiewack.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-1879" src="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/mitgehoert_frank_spiewack.jpg" alt="" width="6667" height="3750" /></a>Mitgehört: Musik aus dem Filter-Schwarm<br />
Heute: Frank Spiewack, Consultant<br />
Das Filter Interview vom 11.03.2019</p>
<p>In seiner Kolumne „Mitgehört“ befragt Martin Raabenstein ganz unterschiedliche Menschen, was sie musikalisch umtreibt. Von prägenden Momenten bis zu aktuellen Highlights: Die Jukebox des Filter-Schwarms wird mit jeder Folge bunter. Dieses Mal: Frank Spiewack. In den 1980er-Jahren hätte durchaus ein Musiker aus ihm werden können. Aber so schnell die Neue Deutsche Welle verebbte, versickerte auch sein Interesse, weiterhin in Bands zu singen. Stattdessen verschlug es ihn über Umwege nach Neuseeland und in die Werbung. Heute dreht sich sein Job um den Markenaufbau – kein ganz leichtes Unterfangen, wenn man das Ende der Welt zu seiner Heimat auserkoren hat. Musik hilft. Für Spiewack heißt das: Alles von Deep Purple bis John Coltrane.</p>
<p>Lieber Frank, magst du dich zunächst kurz vorstellen?</p>
<p>Aufgewachsen bin ich in den 1970er-Jahren in der süddeutschen Provinz. In den 80ern zog es mich zum Studium nach Berlin, Ende der 90er schließlich wanderte ich nach Neuseeland aus. Für sehr kurze Zeit war ich Anfang der 80er auch Frontmann der NdW-Band Tiffy L’amour – mit Auftritten überall südlich von Gelsenkirchen. Danach war mein Hunger gestillt. Nach einer Dekade in der Reklame beschäftige ich mich jetzt mit internationalem Markenaufbau. Wenn man wie ich in Christchurch auf der neuseeländischen Südinsel lebt, bedeutet das im weitesten Sinne die Outdoor-Branche, was auch auf das eigene Freizeitverhalten abfärbt. Hiken, Mountainbiken, Klettern und einfach ganz viel Zeit in der tollen Natur verbringen. Da läuft ein ganz anderer Soundtrack.</p>
<p>Schön, dass du uns in deinen musikalischen Alltag schauen lässt. Bevor es damit losgeht: Woran arbeitest du gerade?</p>
<p>Ich helfe aktuell dabei, ein modisch-funktionales Bekleidungslabel aus Neuseeland auf dem Weltmarkt zu etablieren. In der heutigen Zeit kein einfaches Unterfangen, aber man kann es ja mal probieren. Auf jeden Fall kommt man viel rum, was ich einerseits liebe. Wenn man soweit weg von allem lebt, ist es schon ein Bonus, regelmäßig in Berlin, London, New York, Tokyo, Taipei, Seoul oder Hong Kong sein zu können und alles aufzusaugen, was sich da tut.<span id="more-6695"></span></p>
<p>Was hörst du zur Zeit gerne?</p>
<p>Das kommt ganz auf meine Stimmung an. Im Alltag oder auf Reisen lasse ich mich in der Regel davon überraschen, was mir der Spotify-Algorithmus raussucht. Manchmal sind da ein paar richtige Goodies dabei, die ich sonst nie gefunden hätte. Ist ein bisschen wie früher im Plattenladen zu stöbern und zu hoffen, dass der Verkäufer einem gnädig gestimmt ist und er einen ein paar Platten anhören lässt, womöglich sogar in der Klangkabine. Wenn ich die Zeit habe und meinen Plattenspieler anwerfe, dann höre ich meistens alten Soul, zum Beispiel Chocolate Milk, The Undisputed Truth, Isaac Hayes oder Baby Huey. Oft auch Jazz – „Both Directions At Once: The Lost Album“ von John Coltrane, „Miles In The Sky“ von Miles Davis, viel von Art Pepper („The Trip“!), vor allem aber „Concierto“ von Jim Hall. Den Alt-Country Marlon Williams mag ich auch sehr gern – praktisch ein Nachbar hier aus Lyttelton. Ich tendiere etwas zum natürlichen Klang. Man wird ja reifer.</p>
<p>Natürlicher Klang? Erklär das bitte: Was macht ihn so speziell für dich?</p>
<p>Einerseits die Welten, die sich auftun, wenn man in einen neuen Groove oder Sound eintaucht. Andererseits die Authentizität von richtigen Instrumenten und richtigem Können. Wenn man den Schweiß, die Hitze und den Rauch hören kann. Und die Verzweiflung.</p>
<p>Verbringst du generell viel Zeit mit Musik?</p>
<p>Kommt darauf an. Manche Tage kann ich Musik nicht ertragen, mir fehlt dann einfach die Geduld. An anderen Tagen kann ich nicht ohne. Manchmal ist es ganz schön, sich nur im Hintergrund berieseln zu lassen. Dann muss ich mich wieder voll darauf konzentrieren, voll rein versenken – down the rabbit hole. Dann nimmt sie mich mit auf die Reise, und ich laufe durch die regennassen Straßen von Paris, mit dem unnachgiebigen Beat im Hintergrund. Das ist dann so „Ascenseur pour l’échafaud“-mäßig. Gute Musik ist für mich auch immer Kopfkino.</p>
<p>Wie hörst du denn am liebsten Musik? Hast du eine bevorzugte Abhöre?</p>
<p>Was Technik angeht, bin ich ein bisschen romantisch veranlagt. Ich liebe zwar den technologischen Fortschritt – wenn es denn wirklich Fortschritt ist –, mag aber auch richtige Knöpfe zum Drehen und Zeiger, die ausschlagen. Und Brummen soll es auch ein bisschen. Mein erster eigener Plattenspieler war Teil der Dual HS 130-Kompaktanlage. Eigentlich schrecklich mit den lächerlichen 6-Watt-Boxen, aber wenn man in erster Linie Punk und New Wave darauf hörte, war es wohl nicht so schlimm. Danach habe ich mich jahrelang mit Hand-me-downs meines Bruders über Wasser gehalten. In erster Linie ein Luxman-Verstärker und die L19-Boxen von JBL, die ich heute noch benutze. Was ich am meisten an ihnen mag, ist die Story, dass (ob wahr oder nicht) diese Lautsprecher auch in vielen Tonstudios in den 1970ern als Monitore zum Abmischen eingesetzt wurden. Dass man also die Platte auf den gleichen Lautsprechern hört, auf denen sie abgemischt wurde. Meine erste große Anschaffung war der CD-Player Rega von Apollo, nachdem ich realisiert hatte, wie viel mehr man da raushören kann. Kurz danach hat der alte Luxman den Geist aufgegeben und wurde durch einen Rotel RA-04 SE ersetzt. Ganz gut für die feinen Töne. Mein Plattenspieler ist aktuell der Pioneer PL-512X mit Grado-Kartusche: Der klingt ein bisschen brummig, ist aber schön warm. Außerdem gibt es noch einen Little-Dot-Röhrenverstärker für meine Kopfhörer (auch von Grado) und einen Olive One für alles Digitale.</p>
<p>Was ist deine älteste tonale Erinnerung?</p>
<p>Jetzt wird’s peinlich! Ich muss dazu sagen, dass sich meine Eltern nie groß für Musik interessiert haben. Mein Vater hatte zwar so ein tolles Tonbandgerät von Uher, aber das stand meistens nur ungenutzt herum. Meine Mutter hingegen hatte immer das Radio laufen, und da kam dann irgendwann „Mendocino“ von Michael Holm. Das war für mich der erste Hit. Ich war damals wahrscheinlich vier oder fünf Jahre alt, als das rauskam. Später hat ein Freund der Familie dann meinem Bruder und mir seinen alten Plattenspieler plus einer kleinen Single-Sammlung für fünf Mark verkauft. Obwohl da auch ein paar Klassiker wie Elvis, Beatles, Little Richard, Fats Domino oder Spencer Davis Group dabei waren, hatte es mir ausgerechnet Chris Andrews’ „To Whom it may concern“ angetan. Als Teenager führte meine musikalische Reise dann von den frühen Fleetwood Mac und Status Quo über Deep Purple und Pink Floyd irgendwann zu Roxy Music und David Bowie.<br />
Von da war es dann nur noch ein kurzer Sprung zu Sex Pistols, B-52s, DAF und Palais Schaumburg. Wobei ich mich nicht lange mit Punk aufgehalten hatte, sondern mehr an den Schnittstellen mit mehr klassischen Stilen wie Soul und Jazz interessiert war. Daher dann wahrscheinlich auch meine Obsession mit James White/Chance.</p>
<p>Und dein All-time-favourite? Track oder Album?</p>
<p>Wieder so eine Frage, die nicht einfach zu beantworten ist. Den oder das eine gibt es nicht, aber einige, zu denen ich immer wieder gerne zurück komme und jedesmal überrascht und begeistert bin, wie relevant und stark sie immer noch sind. Michael Holm gehört nicht dazu, keine Angst. „Child in Time“ von Deep Purple zum Beispiel – das gekonnteste Schreifest aller Zeiten. Oder „Amsterdam“ von Jacques Brel: Das ist einerseits Leidenschaft und Melancholie, andererseits aber auch die Erinnerung, wie ich als 14jähriger allein in Verdun in einem Bistro saß, Leffe trank, Selbstgedrehte rauchte und eine Bob-Dylan-Biografie las, während dieser Song in der Jukebox lief. Und mich ein paar Studentinnen aufpickten. Natürlich auch „A Song For Europe“ von Roxy Music: große Emotion, großes Kopfkino und dann auch noch ein bisschen französisch. „Echoes“ von Pink Floyd – ohne Worte. Ich entschuldige mich bei den vielen anderen, die mich nachhaltig beeinflusst haben, die ich jetzt aber nicht genannt habe: Bauhaus, Joy Division, Rip Rig and Panic, Gun Club, Prefab Sprout und Prince.</p>
<p><a href="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/frank_spiewack_final.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-1878" src="https://www.no-ones-books.com/wp-content/uploads/frank_spiewack_final.jpg" alt="" width="3408" height="3408" /></a></p>
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