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this episode:
bastian gehbauer
photographer & concept artist, berlin
silence is the only noise
2026
photo © lukas städler
with the question of how real is reality, plenty of clever minds have surely tossed and turned themselves to sleep, and woken up again with frightening insights … the history of thought creates true monsters of collective crisis of reality, be these platon’s cave shock, rené descartes‘ mighty evil demon or friedrich nietzsche’s sad conclusion, there are no facts, only interpretations. paul watzlawick goes on to author the book with the corresponding title then and in the end only the insight remains that our so-called reality is merely based on an individually functional user interface – built solely to survive. this simple fact may not yet be rebellious enough, however to play with the imponderables of these abysses and almost unnoticed at that does not necessarily have to be based on a nightly villainous trick.
bastian gehbauer’s 2025 series surrogat takes photographs from the centre of photogrammetric images of the former gdr, preserved in the archive of the deutsche fotothek, as the basis for his explorations of the limits of perception. with the help of self-called semantic probability generators, the trained photographer and master student consciously rummages in the subtly blurred corners between reality and fiction by having the machine create visual worlds whose factuality protrudes a little too obviously into improbability. precisely that tiny, possible doubt about the object presented rather mischievously by the artist may slyly lull eye and brain into safety, but the unerringly applied razor blade faithfully fulfills its duty and already our reality splits astonished into two parts … is it the trustworthy mustache under calmly serene eyes of someone who also studied political and cultural theories, who may be aware that this closer look at and into his work can only succeed if a corresponding content trail is laid and the unsuspecting mass might otherwise not suspect the subtle hat-trick in the least?
the show silence is the only noise in the rooms of johnen privat leaves possible traces in this regard, as gehbauer’s visual pieces are presented in two ways. while finely framed photographs can be viewed in the gallery space, parts of the series are projected onto a glass pane in the roof rafters under the culturally and historically unique clacking of a kodak carousel, thus rhythmically minimizing the time spent on each individual piece. the witty artist’s fairly spot-on improprieties function differently for these very timed reasons, as a fleeting, possible grasping for art-historical feints now seems to resemble a game of child’s play against the clock. the strangely familiar hole in the floor is surely by … and this animal-like form suspended from the ceiling could be by … becomes a mental sprint against time, and in particular the wait for the reappearance of this projected exhibit sharpens the will to know all the more.
when we think we can catch the hare with a pinch of salt on its tail, the next twist is already made and the animal zips comfortably around the corner. the term surrogate is usually associated with inferior, faulty substitute material. only: what surrogate are we actually spinning around here – machine-assisted, feigning replacement images of a gdr past gathering dust in the archive? or is the former state mandate for reconstruction in the event of war not being taken at its word in an evolutionarily absurd way here to the merry beat of the slide carousel, and the palast der republik meanders with continued rotation in circles into a gruesome memory-cult classic in david lynchian fashion? the image-become absurdity of measurement mania, which maps interiors from a central perspective in order to be able to faithfully reconstruct the original in an emergency, is characterized by gehbauer’s mutations in the sense of an evolutionary derailment. in the blending with supposedly art-historically relevant references, east german historical asset transforms into all-german memory culture, which can leave its monuments behind and now jump blissfully in a ring-a-ring-o‘ roses to dance.
iir, september 2026
Mit der Frage wie wirklich die Wirklichkeit ist, haben sich mit Sicherheit schon eine Menge kluger Köpfe in den Schlaf gewälzt, und sind mit erschreckenden Erkenntnissen wieder aufgewacht … Die Geschichte des Denkens kreiert wahre Monstren kollektiver Realitätskrisen, seien dies Platons Höhlenschock, René Descartes’ mächtig böser Dämon oder Friedrich Nietzsches trauriges Fazit, es gäbe keine Tatsachen, nur Interpretationen. Paul Watzlawick verfasst dann auch das Buch mit entsprechendem Titel und schlussendlich verbleibt die Erkenntnis, dass unsere sogenannte Wirklichkeit nur auf einer individuell funktionablen Nutzeroberfläche basiert – gebaut einzig und allein, um zu überleben. Dieser schlichte Fakt mag noch nicht aufrührerisch genug sein, mit den Unwägbarkeiten dieser Abgründe allerdings spielerisch und zudem fast unbemerkt zu hantieren, muss nicht unbedingt auf einem nächtlichen Schurkenstück basieren.
Bastian Gehbauers 2025er Serie SURROGAT nimmt Fotografien aus dem Zentrum photogrammetrischer Aufnahmen der ehemaligen DDR, aufbewahrt im Archiv der Deutschen Fotothek, als Grundlage für seine Erforschungen der Grenzen von Wahrnehmung. Mit Hilfe von sich selbst so benennenden semantischen Wahrscheinlichkeitsgeneratoren stöbert der studierte Fotograf und Meisterschüler bewusst in den feinsinnig unscharfen Ecken zwischen Wirklichkeit und Fiktion, indem er durch die Maschine Bildwelten erstellen lässt, deren Tatsächlichkeit ein klein wenig zu offensichtlich in die Unwahrscheinlichkeit hineinragt. Eben jener winzige, vom Künstler eher verschmitzt dargebrachte, mögliche Zweifel am Objekt mag hinterlistig angewandt das Auge samt Hirn in Sicherheit wähnen, aber die zielsicher angebrachte Rasierklinge erfüllt treusorgend ihre Pflicht und schon trennt sich unsere Wirklichkeit verblüfft in zwei Teile … Ist es der vertrauensvolle Schnauz unter ruhig gelassenen Augen des ebenfalls politische und kulturwissenschaftliche Theorien Studierten, dem bewusst sein mag, dass dieses genauere Hinsehen auf und in seine Arbeit nur gelingen mag, wenn eine entsprechende inhaltliche Fährte gelegt wird und die unbedarfte Masse sonst möglicherweise den subtilen Hattrick nicht im Mindesten erahnen mag?
Die Schau silence is the only noise in den Räumen von Johnen Privat hinterlässt diesbezüglich mögliche Spuren, da Gehbauers Sehstücke auf zweierlei Weise vorgeführt werden. Sind im Galerieraum fein gerahmte Fotografien zu betrachten, werden im Dachgebälk unter dem kulturhistorisch einmaligen Klackern eines Kodak-Karussells Teile der Reihe auf eine Glasscheibe projiziert und der zeitliche Verbleib am Einzelstück so rhythmisch minimiert. Des Gewitzten ziemlich auf den Punkt gebrachte Unziemlichkeiten funktionieren aus eben jenen getakteten Gründen heraus anders, da ein erhaschendes, mögliches Greifen nach den kunsthistorischen Antäuschungen nun einem Kinderspiel unter Zeit zu gleichen scheint. Das eigenartig bekannt vorkommende Loch im Boden ist doch von … und diese von der Decke abgehängte tierähnliche Form könnte von … wird ein mentaler Spurt mit der Zeit und insbesondere das Warten auf das Wiedererscheinen dieses projizierte Exponat schärft den Erkenntniswillen umso mehr.
Wenn wir denken, den Hasen durch die Prise Salz auf seiner Blume ergreifen zu können, ist der nächste Haken schon geschlagen und das Tier flitzt wohlig um die Ecke. Mit dem Begriff Surrogat verbindet sich eigentlich minderwertiges, ersatzstofflich Fehlerhaftes. Nur: Um welches Surrogat drehen wir uns hier eigentlich – maschinengestützt antäuschende Ersatzbilder einer im Archiv verstaubenden DDR-Vergangenheit? Oder wird hier im lustigen Takt des Diakarussells der damalige staatliche Auftrag zur Rekonstruktion im Kriegsfall nicht auf evolutionär absurde Weise beim Wort genommen und der Palast der Republik mäandert bei fortdauernder Drehung im Kreis zum schauerlichen Erinnerungskultklassiker in David-Lynch’scher Manier? Die bildgewordene Vermessungswahnabsurdität, die Innenräume zentralperspektivisch kartografiert, um das Original im Ernstfall getreu rekonstruieren zu können, wird durch Gehbauers Mutationen im Sinne einer evolutionären Entgleisung gekennzeichnet. In der Vermischung mit vermeintlich kunsthistorisch relevanten Bezügen wandelt sich ostdeutsches Geschichtsgut in gesamtdeutsche Erinnerungskultur, die ihre Monumente verlassen kann und nun selig im Ringelreihn zum Tanze hüpft.
iir, september 2026
© bastian gehbauer, SURROGAT, kjubh kunstverein köln, 2025