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jean-pierre jeunet
eternal child

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jean-pierre jeunet
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2017 sees the guillermo del toro production  “the shape of water” in the vein of jean-pierre jeunet, in which one, in several respects, does not necessarily feel a clear “close-but-still-a-miss” moment—yet becomes distinctly aware of the sought-after but not truly found proximity to the frenchman’s own unique film language. both filmmakers sometimes draw on certain preferences of their role model terry gilliam, and it is above all the retrofuturistic cyberpunk designs of “brazil” and “12 monkeys” that both of the younger ones study with marked interest. although del toro reaches for a broadly laid-out range of very diverse set designs in which he lets his characters act cheerfully, gilliam’s figures in both mentioned films have a certain closer dependency on the settings they inhabit—but it is jeunet’s productions whose protagonists are fundamentally and inevitably interlocked with the cinematic design world. a clearly goal-oriented definition already slips away in the shaky attempt to describe this world more closely, for mies van der rohe already places great value on distinguishing between the simple and the simplistic.

one, amélie, and bazil, the main characters from three jeunet productions, correspond—no matter in which world their story may take place—to precisely that verbally undecidable in-between of simple, naive, defiant, and stubborn. their heroically touching mastery consists—as admittedly in the majority of films worth mentioning—in resisting a drably overpowering system through the sheer force of their own simplicity. precisely that tricky, denouncing term that is supposed to pin down what it cannot—and thus throws the errant rider straight before the obstacle—is blended by jeunet with touching lovableness that one simply watches in astonishment at which little playing cards the master lays out before one, time and again. here, jeunet’s elaborately conceived film architectures with myriads of the most finely chiseled details form the psychologically rich explanatory background for why our protagonists rise up with such stoic obstinacy to preserve them—the vividly and wildly dreamed child’s cosmos of fantastical worlds that never exist this way and never will.

jeunet’s france in “the fabulous destiny of amélie” would, in its naively exaggerated, yearning devotion in both decor and performance, be nothing but plain kitsch without precisely that warm interweaving. the filmmaker is an educated man, and we do not want to hold that against him. thus what drives him to seek the human in children’s play, in the infinite expanse of the excessively cute? “the city of lost children” takes place in an eternally dark steampunk dystopia, with a speechless-making fascination for touching, endlessly recombined adult toys, and “micmacs” transfigures the world of parisian homeless people into an accumulation of such lovingly crafted inventions that makes museums appear bleak and empty. jeunet does not speak in biblical tongues, and the canonization of the mentally poor certainly does not quite hit his intention—and yet within the remnants of a careless society hope still grows. jeunet’s world of thought loses itself heartrendingly in a sea of endless lists of beloved and hated things, in order to deftly stir memories of long-past times in which one had to decide, with utmost seriousness, between marlboro and camel… or other positions that seem trivial today.

iir, january 2026

2017 erscheint mit „The Shape of Water“ eine Guillermo-del-Toro-Produktion à la Jean-Pierre Jeunet, bei der man in mehrerer Hinsicht zwar nicht unbedingt einen klaren „Knapp-daneben-ist-auch-vorbei“-Moment verspürt, sich der gesuchten, aber nicht wirklich gefundenen Nähe zu des Franzosen ureigener Filmsprache allerdings deutlich bewusst wird. Beide Filmschaffenden setzen mitunter auf bestimmte Vorlieben ihres Vorbildes Terry Gilliam auf, und es sind vor allem die retrofuturistischen Cyberpunk-Ausstattungen von „Brazil“ und „12 Monkeys“, die von beiden Jüngeren mit deutlichem Interesse genauer beäugt werden. Wiewohl Del Toro auf eine weit angelegte Auswahl diversester Set-Designs zurückgreift, in denen er seine Charaktere munter agieren lässt, haben Gilliams Figuren in beiden angesprochenen Filmen eine gewisse nähere Bedingtheit zu ihren zu bespielenden Kulissen – aber es sind Jeunets Produktionen, deren Protagonisten ganz ursächlich und zwingend mit der filmischen Gestaltungswelt verzahnt sind. Eine eindeutig zielführende Begriffsdefinition entzieht sich schon in der wackeligen Annäherung, diese Welt näher beschreiben zu wollen, denn schon Mies van der Rohe legt großen Wert darauf, zwischen dem Einfachen und dem Simplen zu unterscheiden.

One, Amélie und Bazil, die Hauptpersonen aus drei Jeunet-Produktionen, entsprechen – in welcher Welt ihre Handlung auch immer spielen mag – eben jenem sich verbal nicht entscheiden könnenden Dazwischen aus einfach, naiv, trotzig und störrisch. Ihre heldenhaft anrührende Meisterlichkeit besteht – wie zugegebenermaßen in der Mehrzahl erwähnenswerter Filme – darin, sich einem dröge übermächtig erscheinenden System durch die schiere Kraft ihrer Einfältigkeit zu erwehren. Eben jener knifflig denunziierende Begriff, der auf den Punkt bringen soll, was er so nicht kann – und somit den irrigen Reiter direkt vor dem Hindernis abwirft –, wird von Jeunet mit so viel anrührender Liebenswürdigkeit vermengt, dass man einfach nur staunend betrachtet, welche Spielkärtchen der Meister hier Mal um Mal vor einem aufblättert. Hierbei bilden speziell Jeunets aufwendig durchdachte Filmarchitekturen mit Myriaden feinziseliertester Details den psychologisch reichhaltig erklärenden Hintergrund, warum unsere Protagonisten mit solch stoischer Bockigkeit aufbegehren, diese zu bewahren – der bildreich wild erträumte Kinderkosmos von phantastischen Welten, die es so nie gab und auch nie geben wird.

Jeunets Frankreich in „Die fabelhafte Welt der Amélie“ wäre in seiner naiv überzeichneten, sehnsüchtigen Hingabe sowohl in Dekor als auch Darstellung ohne eben jene warme Verquickung schlichter Kitsch. Der Filmemacher ist ein gebildeter Mann, und wir wollen ihm das nicht nachteilig auslegen. Was also treibt ihn, das Menschliche im Kinderspiel, in der unendlichen Weite des übertrieben Niedlichen zu suchen? „Die Stadt der verlorenen Kinder“ spielt in einer ewig dunklen Steampunk-Dystopie, mit einer sprachlos machenden Faszination an rührenden, unentwegt rekombinierten Erwachsenenspielzeugen, und „Micmacs“ verklärt die Welt Pariser Obdachloser in eine Museen trostlos und leer erscheinen lassende Anhäufung ebensolch liebevoller Erfindungen. Jeunet spricht nicht in biblischen Zungen, und die Heiligsprechung der geistig Armen trifft sicherlich nicht ganz sein Ansinnen – und doch sind es die Überbleibsel einer unachtsamen Gesellschaft, inmitten selbst deren Abfällen noch Hoffnung gedeiht. Jeunets Gedankenwelt verliert sich herzzerreißend in einem Meer unendlicher Listen geliebter und verhasster Dinge, um so geschickt Erinnerungen an lang vergangene Zeiten wachzurütteln, in denen man sich höchstseriös zwischen Marlboro und Camel zu entscheiden hatte… oder anderen, heute banal erscheinenden Positionen.

iir, january 2026

jean-pierre jeunet

© concorde, daniel emilfork in the city of lost children, 1995