dieter krieg
artist
1937 – 2005
#07
the seventh episode of your chair, your choice… is presented by gallery owner klaus gerrit friese. he recommends the works of german artist dieter krieg, for he greatly appreciates engaging with the material he is given, and it is precisely the flow of words in krieg’s work that continues to inspire him to this day…
© dieter krieg, untitled, 2004
what do these poor, pitiable bourgeois people do to these agitated artists that they believe, generation after generation, they must become so terribly upset? how can one debase such an elevated and noble form as the imperial pickelhaube into something so banal, on which a steaming bratwurst is skewered – how can one possibly do that … for richard huelsenbeck, raoul hausmann, or george grosz and the other berlin dadaists, no occasion is too trivial to hold a mirror up to this bourgeois sourness, and they have nothing at all to do with this accursed patriotic war. this is immediately followed, in cheerful stride, by a second one, and the sparkling idea of social provocation leaps across the rhine, where the collège de ’pataphysique is founded in paris in 1948. boris vian becomes a member in 1953 and rises to “satrap” and “promoteur insigne de l’ordre de la grande gidouille,” playing a central role in this flourishing movement in the intellectual district of saint-germain-des-prés. the science of imaginary solutions, eagerly explored by great minds such as alfred jarry, raymond queneau, or marcel duchamp, once again breathes the spirit of radical negation and anti-bourgeois vehemence.
like the dadaists, the pataphysicians use bourgeois logic with pseudo-scientific seriousness in order to parody it, and they nurture an abysmal aversion to conformism, hypocrisy, and above all to the rigidification of the mind. in the bourgeois, vian sees a form of living death – it strives for property and status instead of intensity. vian, by contrast, advocates playful idleness, and he experiences the bourgeois fixation on useful work as enslavement. moreover, he despises the double morality of the institutions of church, military, and justice, which outwardly preach order but legitimize violence and oppression, and thus the equally gifted jazz musician also combats the bourgeois in literature with absurdity, wordplay, and provocation. in “l’écume des jours,” the idyll of bourgeois happiness is fragile and fate is merciless; “j’irai cracher sur vos tombes” is a direct attack on bourgeois prudishness with explicit violence and eroticism; and in “l’arrache-cœur,” he attacks the foundations of bourgeois society head-on through the figure of the monstrous mother. vian perceives organized surrealism under andré breton as too dogmatic and priestly, and so, like the early dadaists, he prefers to remain with the absurd, junk, and the ridiculous.
and so the thought jumps back again across the great central european river: if writing for boris vian is an act of subversion, of the absurd, in order to show how arbitrary and empty bourgeois rules are, dieter krieg also paints banal things that in fact offer nothing, masterfully, calls his motifs meager, and sanctifies the neglected. through massive enlargement and the thick application of paint in his impasto technique, he transforms meager french fries into a sacral-monumental symbol of profanity – through the sheer force of painting. in the 1970s, krieg radicalizes this approach by temporarily abandoning the painted object altogether and beginning to write pure words such as “painter” on huge canvases. if the painted object of french fries already appears so reduced and meager, the written word is the logical end point and an evoked image in the viewer’s mind, without the physical urge of direct representation – and the final indication of its existence. image, word, and sign, the visual battlefield on which krieg fights against the vanity of art, is anything but meager: it is rich and cannot stop speaking.
iir, february 2026
Was haben diese armen, bemitleidenswerten Bürgerlichen diesen aufgekratzten Künstlern nur angetan, dass diese glauben sich Generation um Generatio immer so fürchterlich aufregen zu müssen? Wie kann man nur eine so erhabene und edle Form wie die kaiserliche Pickelhaube zu einem so banalen Gegenstand entwürdigen, auf dem eine dampfende Bratwurst aufgespießt wird – wie kann man nur … Richard Huelsenbeck, Raoul Hausmann oder George Grosz und den anderen Berliner Dadaisten ist kein Anlass zu niedrig, dieser bürgerlichen Sauertöpferei einen Spiegel vorzuhalten, und mit diesem vermaledeiten vaterländischen Krieg haben sie schon gleich gar nichts am Hut. Diesem folgt dann auf munterem Fuße sogleich ein zweiter, und der sprühende Gedanke gesellschaftlicher Zündelei springt über den Rhein, wo das Collège de ’Pataphysique 1948 in Paris gegründet wird. Boris Vian wird 1953 Mitglied und steigt zum „Satrapen“ und „Promoteur Insigne de l’Ordre de la Grande Gidouille“ auf, eine zentrale Rolle in dieser blühenden Bewegung im intellektuellen Stadtteil Saint-Germain-des-Prés. Die Wissenschaft der imaginären Lösungen, eifrig untersucht von großen Geistern wie Alfred Jarry, Raymond Queneau oder Marcel Duchamp, atmet erneut den Geist radikaler Negation und antibürgerlicher Vehemenz.
Wie die Dadaisten nutzen die Pataphysiker mit pseudowissenschaftlichem Ernst die bürgerliche Logik, um sie zu parodieren, und hegen eine abgrundtiefe Abneigung gegen Konformismus, Heuchelei und vor allem gegen die Erstarrung des Geistes. Im Bürgerlichen sieht Vian eine Form des lebendigen Todes – dieses strebt nach Besitz und Status statt nach Intensität. Vian hingegen vertritt spielerischen Müßiggang, und die bürgerliche Fixierung auf nützliche Arbeit empfindet er als Versklavung. Zudem verachtet er die Doppelmoral der Institutionen Kirche, Militär und Justiz, die nach außen hin Ordnung predigen, aber Gewalt und Unterdrückung legitimieren, und so bekämpft der gleichwohl begnadete Jazzmusiker das Bürgerliche auch literarisch mit Absurdität, Sprachspiel und Provokation. In „L’Écume des jours“ ist die Idylle des bürgerlichen Glücks zerbrechlich und das Schicksal gnadenlos, „J’irai cracher sur vos tombes“ ist ein mit expliziter Gewalt und Erotik direkter Angriff auf die bürgerliche Prüderie, und in „L’Arrache-cœur“ greift er mit der Gestalt der monströsen Mutter das Fundament der bürgerlichen Gesellschaft frontal an. Den organisierten Surrealismus unter André Breton empfindet Vian als zu dogmatisch und priesterlich, und so verbleibt er, ähnlich wie die frühen Dadaisten, lieber beim Absurden, beim Schrott und beim Lächerlichen.
Und so springt der Gedanke wieder zurück über den großen zentraleuropäischen Fluss: Ist das Schreiben für Boris Vian ein Akt der Subversion, des Absurden, um zu zeigen, wie willkürlich und leer bürgerliche Regeln sind, malt auch Dieter Krieg banale Dinge, die eigentlich nichts hergeben meisterlich, nennt seine Motive dürftig und heiligt das Vernachlässigte. Durch massive Vergrößerung und den fetten Farbauftrag seiner Impastotechnik verwandelt er dürftige Pommes frites in ein sakral-monumentales Symbol der Profanität – durch die schiere Wucht der Malerei. In den 1970er Jahren radikalisiert Krieg diesen Ansatz, indem er das gemalte Objekt zeitweise ganz aufgibt und beginnt, reine Wörter wie „Maler“ auf riesige Leinwände zu schreiben. Wenn das gemalte Objekt der Pommes frites bereits so reduziert und dürftig daherkommt, ist das geschriebene Wort logische Endstation und evoziertes Bild im Kopf des Betrachters, ohne den physischen Drang einer direkten Darstellung – und letzter Hinweis auf dessen Existenz. Bild, Wort und Zeichen, das visuelle Schlachtfeld, auf dem Krieg gegen die Eitelkeit der Kunst kämpft, ist alles andere als dürftig: Es ist reich und kann gar nicht aufhören, weiter zu sprechen.
iir, february 2026
Aus der Wohnung raus, in die Wohnung rein: das Letzte und das Erste ist das Hemd von Dieter Krieg, der eine Ärmel abgeschnitten, der andere ganz, die Maggiflasche auf dem Rücken, gestärkt mit Maggi Magie beginne ich und komm ich wieder an. Klaus Gerrit Friese