isabel reitemeyer
dodge, 2023
collage, 8 x 8,2 cm
while the others are dancing,
martin eugen raabenstein’s
sensor spotlight focuses on:
© isabel reitemeyer
jacques tati’s second feature film, nominated for an oscar in 1953, les vacances de monsieur hulot, takes place in a seaside resort and introduces for the first time his cantankerous alter ego. hulot, an amiable individualist with hat and pipe, struggles not only on this beach daily with the pitfalls of modern civilisation and contemporary social conventions – his permanent friction with the constant changes of the time expands even further in the sequel mon oncle five years later. tati’s brilliant portrayal of the bumbler hulot speaks almost never, and when he does, loudly inserted mundane sounds drown out the few barely intelligible scraps of words. although isabel reitemeyer tends to prefer images from the period between 1960 and 1990 as source material for her collages, meaning our introduction has gone somewhat off the rails chronologically, the film appears like a happily-unhappy harbinger of her work. the pre-digital world presented here, with its demands that are utterly incomprehensible yet equally compelling by today’s standards, comes across as though we in our present moment were perfectly ordinary users of our everyday lives and the era in question derived from an entirely alien universe.
hulot’s at times tragicomic otherworldliness finds a fascinating parallel in reitemeyer’s automotive collage series, and it is precisely the seemingly laborious yet ultimately effortlessly navigated near-failure at simple everyday situations that connects the subject hulot with the object vehicle from the artist’s hand in a striking way. her bodywork revisions are compressed, abbreviated, jammed within themselves and all in all morbidly gutted – and yet none of these radical interventions reads like a definitively intended curtailment. the successful navigation of circumstances that seem compellingly traumatic despite all adverse conditions also allows reitemeyer’s vehicle variations to flow back into their original form after the emergency has passed, as primordial transformers in spirit. lovingly considered and enriched with romantic charm, reitemeyer’s findings transcend time and space, and the acoustic effects of the near-silent hulot films we simply imagine alongside.
the artist tends, by her own account, to work impulsively, but she likes it orderly and calm, at least on paper. her touching temporal retrospection is remarkable insofar as she fundamentally succeeds in offering her ultimately quite energetic intervention as an inward-folding necessity. the lightfooted act of credibly corseting the past so as to make us believe it could be unfolded again at any moment is strangely familiar – and yet so distant. the kinetic, near-painful but always elastic slapstick of jacques tati demonstrates only the mechanics – the folding and unfolding we must then manage ourselves. the notorious loser against an encroaching modernity delivers an unembittered and yet estranged, contemporary diagnosis, in which we wistfully sense a promise long past but never kept. some may regard this as historicising kitsch, but reitemeyer shows us precisely what it could be – folded but not cut.
iir, june 2026
Jacques Tatis zweiter, und später für einen Oscar nominierter Spielfilm von 1953, Les Vacances de Monsieur Hulot, handelt in einem Urlaubsort am Meer und zeigt erstmals dessen knarziges Alter Ego. Hulot, ein liebenswürdiger Individualist mit Hut und Pfeife, kämpft nicht nur an diesem Strand täglich mit den Tücken moderner Zivilisation und neuzeitlicher Umgangsformen – seine permanente Reibung mit den steten Veränderungen der Zeit weitet sich im Nachfolger Mon Oncle fünf Jahre später nur noch weiter aus. Tatis brillante Verkörperung des Tollpatsches Hulot redet so gut wie nie, und wenn, überdecken laut eingespielte gewöhnliche Geräusche die wenigen annähernd unverständlichen Wortfetzen. Obwohl Isabel Reitemeyer eher Bilder aus der Zeit zwischen 1960 und 1990 als Ausgangsmaterial für ihre Collagen bevorzugt, wir also mit unserer Einleitung hier zeitlich etwas aus dem Ruder geraten, erscheint der Film wie ein glücklich-unglücklicher Vorbote ihrer Arbeiten. Die hier vorgestellte, prädigitale Welt mit ihren für heutige Verhältnisse völlig unverständlichen und ebenso zwingenden Anforderungen kommt eher daher, als seien wir in unserer Jetztzeit völlig normale Nutzer unserer Alltäglichkeiten und die damalige Zeit entstamme einem gänzlich fremdgelagerten Universum.
Hulots mitunter tragikomische Weltfremdheit findet eine faszinierende Parallele in Reitemeyers automobiler Collagereihe, und gerade das mühevoll wirkende, aber schlussendlich unangestrengt durchlaufene Fastscheitern an einfachen Alltagssituationen verbindet das Subjekt Hulot mit dem Objekt Fahrzeug aus der Hand der Künstlerin auf eindringliche Weise. Deren Karosserieüberarbeitungen sind gestaucht, verkürzt, in sich verklemmt und alles in allem morbide entkernt – und dennoch wirkt keiner dieser Radikaleingriffe wie eine final gemeinte Beschneidung. Die trotz aller widrigen Umstände erfolgreiche Bewältigung zwingend traumatisch erscheinender Umstände vermag auch Reitemeyers Fahrzeugvariationen nach vollbrachter Notlage wieder in ihre Originalform zurückfliessen zu lassen, als altvordere Transformer im Geiste. Liebenswert durchdacht und mit romantischem Charme angereichert überwinden Reitemeyers Findungen Zeit und Raum, und die akustischen Effekte der stummfilmartigen Hulot-Verfilmungen denken wir uns schlicht dazu.
Die Künstlerin neigt laut Eigenaussage dazu, impulsiv zu arbeiten, aber sie mag es ordentlich und ruhig, zumindest auf dem Papier. Ihre berührende zeitliche Rückwendung ist insofern bemerkenswert, da es ihr grundsätzlich gelingt, ihren letztendlich doch energischen Eingriff als ineinanderfaltende Notwendigkeit zu offerieren. In der leichtfüssigen Aktion Vergangenes glaubwürdig einzuschnüren, um uns glauben zu machen, man könne es jederzeit wiederauffalten, ist eigenartig vertraut – und doch so fern. Der kinetische, annähernd schmerzhafte, aber stets elastische Slapstick Jacques Tatis führt nur die Mechanik vor – das Auf- und Zuklappen müssen wir dann schon selbst besorgen. Der notorische Verlierer gegen eine vordringende Moderne liefert eine unverbitterte und dennoch befremdete, zeitgenössische Diagnose, in der wir ein längst vergangenes, aber nie gehaltenes Versprechen wehmütig nachempfinden. Das mögen manche als historisierenden Kitsch empfinden, aber Reitemeyer stellt uns exakt vor, was es sein könnte – gefaltet, aber nicht geschnitten.
iir, june 2026
© isabel reitemeyer, untitled, 8 x 4,7 cm, 2023