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utagawa hiroshige
new year’s eve foxfires at the changing tree, ōji, ca. 1857

woodblock print, ink and color on paper, 32,5 x 21,9 cm

while the others are dancing,
martin eugen raabenstein’s
sensor spotlight focuses on:

hiroshige

© utagawa hiroshige

en
de

eerily flickers the sparsely glowing flame in the moor, in wetlands, or even in the dark forest. the optical phenomenon is called ignis fatuus, forming numerous legends and myths in the most diverse cultures and often regarded as a sign of ghosts, demons, or other supernatural beings. as early as 382 bc, aristotle reports of a “cold fire,” and pliny the elder also mentions glowing wood in the olive groves. science assigns this phenomenon the term bioluminescence – the ability of organisms and living beings to produce cold light with the help of chemical or enzymatic processes. besides fungi, fireflies, or luminescence-producing marine creatures, it is above all gases released during the decomposition of organic materials that, during their natural decay, vigorously ruffle the imagination of the casual observer. the nerve-saving sobriety of scientific explanation may serve as the cooling note to the over-twirled mind – yet in superstition we continue to investigate, outwardly reassured, but secretly and cautiously, with pleasure. shintō, the japanese religion of the “way of the gods,” sees in the natural phenomena to be observed the work of the kami, who as divine beings and spirits in nature, in animals, humans, or even objects, symbolize the harmony between humans and nature, and who are worshipped in corresponding shrines to perform ritual purification there.

especially around the fox kitsune weave manifold tales, attributing to it mysterious powers not unlike the european reading of the trickster role. the cunning and magical yōkai creature is an extremely intelligent shapeshifter who, sometimes in the guise of a beguiling woman, knows how to inflict considerable harm. utagawa hiroshige’s depiction of the cunning red-furred one chooses a different, rather touching episode, showing the gathering of all foxes of the kantō provinces on the occasion of the new year’s festival around the ōji inari shrine. the color woodcut series “100 famous views of edo,” considered the master’s main work and described by himself as his artistic legacy, depicts not only the city but also its surroundings. hiroshige, about whom little is known, completes his final cycle in seclusion as a monk; a few of the 120 works, including the title page, are attributed to his student. all the works share a marked sense of distance and, at times, a complete absence of people – here dogs play beside gnawed melon rinds, there a lone turtle hangs in the window frame. in some works, tiny shadows sit far in the distance behind paper screens, and the ukiyo-e authority shows us everyday chores, rituals, or completely deserted scenes without placing value on individual recognizability. with its subject rooted in the mystical, the sheet depicting the fox fires forms a rare exception.

hiroshige not only uses sketches as the basis for each work but also draws inspiration from the images of other artists. in this case, he refers to an illustration in the edo meisho zue – hackberry and pine are taken from it. seventeen foxes wait in the foreground for admission to the shrine and, before transforming appropriately for the ceremony, release their fires, the kitsunebi. there they receive instructions for the coming year and how they are to indicate to the farmers, by the casting of shadows or the number of fires, the prospects of the next harvest. in the near distance, dozens more animals await the unfolding of the night, whose depiction in various shades of gray and depth represents a technical triumph of printmaking. the dignity of the moment is impressive, and perhaps more than on any other sheet in the series, hiroshige conveys the eternal cycle of things with sublime composure. these are the small events at the edges, but also the great occurrences, to which the depicted spaces and places, with small anecdotes, lend a correspondingly well-captured frame. the sense of timelessness and the trust in an ever-renewing repetition of the eternal sameness of this landscape and genre scene is intoxicating – especially with the knowledge that this seemingly tranquil glimpse into the bustling shogunate era of the mid-19th century will, in the not-too-distant future, forever belong to the past.

iir, august 2025

Unheimlich flackert die spärlich leuchtende Flamme im Moor, in Feuchtgebieten oder gar im dunklen Wald. Die optische Erscheinung heißt Ignis fatuus, bildet in unterschiedlichsten Kulturen zahlreiche Legenden und Mythen und gilt gern als Zeichen von Geistern, Dämonen oder anderen übernatürlichen Wesen. Schon 382 vor Christus berichtet Aristoteles von einem „kalten Feuer“, und auch Plinius der Ältere erwähnt leuchtendes Holz in den Olivenhainen. Die Wissenschaft weist diesem Phänomen den Begriff Biolumineszenz zu – die Fähigkeit von Organismen und Lebewesen, mit Hilfe chemischer oder enzymatischer Prozesse kaltes Licht zu erzeugen. Neben Pilzen, Leuchtkäfern oder lumineszenzerzeugenden Meeresbewohnern sind es vor allem bei der Zersetzung organischer Materialien freigesetzte Gase, die während ihres natürlichen Abbauprozesses die Phantasie des zufälligen Beobachters kräftig zu zausen wissen. Die nervenschonende Nüchternheit wissenschaftlicher Herleitung mag die kühlende Noterklärung des aufgezwirbelten Geistes sein – dem Aberglauben allerdings forschen wir, vordergründig beruhigt, allerdings insgeheim gerne und vorsichtig weiter nach. Shintō, die japanische Religion des „Weges der Götter“, sieht in den zu beobachtenden Naturerscheinungen das Wirken der Kami, die als göttliche Wesen und Geister in der Natur, in Tieren, Menschen oder gar Gegenständen die Harmonie von Mensch und Natur versinnbildlichen und die in entsprechenden Schreinen verehrt werden, um sich dort rituell zu reinigen.

Vor allem um den Fuchs Kitsune spinnen sich mannigfaltige Erzählungen, die der europäischen Lesart der Rolle des Täuschers nicht unähnlich geheimnisumwobene Kräfte zuschreiben. Das trickreiche und magische Yōkai-Fabelwesen ist ein äußerst intelligenter Gestaltwandler, der mitunter in betörender Frauenrolle erheblichen Schaden zuzufügen weiß. Utagawa Hiroshiges Darstellung des listbetont Rotbefellten wählt eine andere, eher anrührende Episode und zeigt die Versammlung aller Füchse der Kantō-Provinzen anlässlich des Neujahrsfestes um den Ōji-Inari-Schrein. Das als des Meisters Hauptwerk geltende und von ihm selbst als sein künstlerisches Vermächtnis bezeichnete Farbholzschnittserie „100 berühmte Ansichten von Edo“ behandelt nicht nur die Stadt, sondern auch deren Umgebung. Hiroshige, von dem wenig bekannt ist, vollendet seinen letzten Zyklus zurückgezogen als Mönch; ein paar wenige der 120 Arbeiten, inklusive Titelblatt, werden seinem Schüler zugewiesen. Allen Werken ist die auffällige Distanziertheit und teilweise gänzliche Abwesenheit der Menschen zu eigen – hier spielen Hunde neben abgegessenen Melonenschnitzen, dort hängt eine einsame Schildkröte im Fensterrahmen. In manchen Arbeiten sitzen winzige Schatten hinter Reispapiertrennwänden weit in der Ferne, und die Ukiyo-e-Autorität zeigt uns alltägliche Verrichtungen, Rituale oder gänzlich verlassene Szenerien, ohne auf individuelle Erkennbarkeit Wert zu legen. Mit ihrem im Mystischen angesiedelten Sujet bildet das Blatt mit den Fuchsfeuern eine seltene Ausnahme.

Hiroshige verwendet nicht nur Skizzen, die er für die jeweilige Arbeit zugrunde legt, sondern lässt sich auch durch Bilder anderer Künstler inspirieren. In diesem Fall bezieht er sich auf eine Abbildung im Edo meisho zue – Zürgelbaum und Pinie sind diesem entnommen. Siebzehn Füchse warten im Vordergrund auf den Einlass in den Schrein und stoßen, bevor sie sich für die Zeremonie entsprechend verwandeln, ihre Feuer, die Kitsunebi, aus. Dort erhalten sie Anweisungen für das kommende Jahr und darüber, wie sie den Bauern durch den Wurf der Schatten oder die Anzahl der Feuer die kommende Ernte anzeigen sollen. In naher Ferne erwarten Dutzende weitere Tiere den Ablauf der Nacht, deren Darstellung in verschiedenen Grautönen und Tiefen einen technischen Triumph der Druckkunst darstellt. Die Würde des Momentes ist beeindruckend, und wie wohl auf keinem anderen Blatt der Reihe vermittelt Hiroshige den ewigen Kreislauf der Dinge mit erhabener Gelassenheit. Es sind die kleinen Geschehnisse am Rande, aber auch die großen Ereignisse, denen die abgebildeten Räume und Orte mit kleinen Anekdoten einen entsprechend würdig eingefangenen Rahmen bilden. Die Zeitverlorenheit und das Vertrauen in eine immerwährende Wiederholung des Ewiggleichen dieser Landschafts- und Genreszenerie ist berauschend – vor allem in der Kenntnis, dass dieser beschaulich wirkende Einblick in die quirlige Shogunatszeit Mitte des 19. Jahrhunderts in nicht allzu ferner Zukunft für immer der Vergangenheit angehören wird.

iir, august 2025

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