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this episode:
roland barthes
the empire of laziness
how to escape the compulsion
of taking a position
2026
© ferdinando scianna
in the subtle but telling distinction between doing nothing and not-doing (non faire), the semiotician and philosopher roland barthes seeks to name a condition to which he himself has succumbed. in 1979, an interview appears in the newspaper le monde dimanche under the title “oser être paresseux,” in which he discusses the concept of laziness from his own perspective. he distinguishes between false and true laziness, identifies the everyday sluggishness of resisting imposed and unwelcome activities, and describes this as a blockage or rebellion accompanied by a sense of guilt. in idleness, by contrast, barthes sees a state of being without purpose, a decentered subject without the desire to have to say “i,” and he argues for the liberation of consciousness from utility. he criticizes the difficulty of being lazy in the modern western world and argues, among other things, with the functionalization of leisure time, in which one must practice sports or recover— the performance-oriented structuring of the working world extends into private time, into cultivated hobbies or vacations. in the wager of laziness, the philosopher recognizes an act of refusal to be constantly and visibly productive and meaningful, in order to evade social valorization and thus attain a form of freedom that is situated beyond performance and identity.
in this seemingly utopian moment of self-forgetfulness, barthes sees a subversive ethics as the only possibility of opposing an “empty space” to a hyper-rationalized world, a space that comes closer to the taoist ideal of emptiness. throughout his life, he is interested in concepts that can undermine the western compulsion toward meaning and action. in his late work, especially in his lectures at the collège de france, the reference to taoism and zen buddhism becomes explicit. barthes refers here to the idea of wu wei, of non-action in the sense of non-intervening action without effort. for him, western language and society are paradigmatic and function—whether in the realm of work or in private time—purely in binary terms as an either-or principle. to this, barthes opposes the neuter, as a third term originating in taoism that transcends the duality of yin and yang, good and evil, acting and remaining. to overcome the ego, barthes uses laziness as a tool of “i-lessness,” saying that whoever is truly lazy stops producing themselves, has no need to be anyone, cultivates no image, and holds no opinion. thus the self disperses like that of a newborn and becomes one with its surroundings, rather than opposing them as an acting subject.
barthes’s french-bourgeois devotion unites style, charm, and pleasure and finds the great in the small. the author of the classic mythologies simultaneously proclaims the death of authorship, henceforth leaves the meaning of a text to the perspective of the reader, and even his own death becomes an occasion for myth-making. in an inattentive moment, as usual hurrying from café to café, the idler is struck by a truck and dies from the consequences of the accident. the notion of the neuter that he shapes can be discussed through this tragic situation: is barthes intoxicated and therefore guilty, or not and thus a victim? the either-or resolution is, in his own sense, not productive, and so various continuations of the story gather around his end. the wager of laziness, situated between critiques of labor and contemporary concepts of deceleration, finds an elegant successor in byung-chul han and his theory of a self-exploiting yet exhausted achievement society, and paul virilio’s critique of dromology also takes its cue from him, arguing that the world no longer allows pauses. roland barthes’s tactically gentle question, “how do i escape the compulsion to take a position?”, finds in susan sontag’s against interpretation approach—“how do i escape the compulsion to give meaning to everything instead of experiencing it?”—a stern counter-position. but, as said, it is the reader who decides.
iir, january 2026
In der kleinen, aber wohl gesehenen Unterscheidung zwischen Nichtstun und Nicht‑Tun (non faire) sucht der Semiotiker und Philosoph Roland Barthes einen Umstand zu benennen, dem er selbst verfallen ist. 1979 erscheint in der Zeitung Le Monde Dimanche ein Interview unter dem Titel »Oser être paresseux«, in dem er den Begriff der Faulheit aus seiner Sicht erörtert. Dabei unterscheidet er zwischen falscher und wahrer Faulheit, benennt die tägliche Trägheit, sich gegen aufgezwungene, unliebsame Tätigkeiten zu sträuben, und beschreibt dies als Blockade oder Rebellion in Verbindung mit einem schlechten Gewissen. Im Müßiggang hingegen sieht Barthes einen Zustand des Seins ohne Zweckbestimmung, als dezentriertes Subjekt ohne den Wunsch, »Ich« sagen zu müssen, und plädiert für die Befreiung des Bewusstseins von der Nützlichkeit. Dabei kritisiert er die Schwierigkeit, in der modernen westlichen Welt faul zu sein, und argumentiert unter anderem mit der Funktionalisierung der Freizeit, in der Sport getrieben oder sich erholt werden muss – die leistungsorientierte Strukturierung der Arbeitswelt lege sich über die private Zeit der gepflegten Hobbys oder des Urlaubs. Im Wagnis der Faulheit erkennt der Philosoph einen Akt der Verweigerung, beständig und sichtbar produktiv und bedeutend zu sein, um sich so einer sozialen Verwertung zu entziehen und eine Form von Freiheit zu erlangen, die sich jenseits von Leistung und Identität ansiedelt.
In diesem utopisch erscheinenden Moment der Selbstvergessenheit sieht Barthes eine subversive Ethik als einzige Möglichkeit, einer durchrationalisierten Welt einen »leeren Raum« gegenüberzustellen, der dem taoistischen Ideal von Leere näherkommt. Zeit seines Lebens sind für ihn Konzepte interessant, die den westlichen Zwang zu Bedeutung und Handlung unterlaufen können. In seinem Spätwerk und insbesondere in seinen Vorlesungen am Collège de France wird der Bezug zu Taoismus und Zen‑Buddhismus explizit. Barthes bezieht sich hier auf die Idee des Wu Wei, des Nicht‑Handelns im Sinne einer nicht eingreifenden Handlung ohne Anstrengung. Für ihn ist westliche Sprache und Gesellschaft paradigmatisch und funktioniert – ob im Arbeitsbereich oder in der privaten Zeit – rein binär als Entweder‑oder‑Prinzip. Dem setzt Barthes das Neutrum gegenüber, als einen die Dualität von Yin und Yang, Gut und Böse, Handeln und Verharren transzendierenden, dem Taoismus entspringenden dritten Part. Zur Überwindung des Egos nutzt Barthes die Faulheit als Werkzeug einer »Ich‑Losigkeit«, indem er sagt: Wer wirklich faul ist, hört auf, sich selbst zu produzieren, muss niemand sein, pflegt kein Image und hat keine Meinung. So zerstreue sich das Ich wie bei einem Neugeborenen und werde eins mit der Umgebung, statt sich ihr als handelndes Subjekt entgegenzustellen.
Barthes’ französisch‑bourgeoise Hingabe vereint Stil, Charme und Lust und findet im Kleinen das Große. Der Autor des Klassikers Mythen des Alltags vermeldet gleichzeitig den Tod der Autorschaft, überlässt fortan die Bedeutung eines Textes der Perspektive des Lesers, und selbst sein eigenes Ableben ist Anlass zur Mythenbildung. In einem unachtsamen Moment, wie üblich von Café zu Café eilend, erfasst den Müßiggänger ein Lastwagen, und er verstirbt an den Folgen des Unfalls. Der von ihm geprägte Neutrum‑Gedanke lässt sich anhand dieser tragischen Situation erörtern: War Barthes angetrunken, also schuldig, oder eben nicht und somit Opfer? Die Entweder-oder-Auflösung ist in seinen eigenen Sinne nicht zielführend, und so ranken sich um sein Ende verschiedene Geschichtsweiterschreibungen. Das Wagnis der Faulheit, angesiedelt zwischen Arbeitskritik und zeitgenössischen Entschleunigungskonzepten, findet in Byung‑Chul Han und seiner Theorie einer sich selbst ausbeutenden, aber müden Leistungsgesellschaft einen eleganten Nachfolger, und auch Paul Virilios Dromologie‑Kritik setzt bei ihm an und führt aus, die Welt lasse keine Pausen mehr zu. Roland Barthes’ taktisch sanftes »Wie entkomme ich dem Zwang, Position zu beziehen?« hat mit Susan Sontags »Against Interpretation« Ansatz – »Wie entkomme ich dem Zwang, alles zu bedeuten, statt es zu erleben?« – eine gestrenge Gegenposition. Aber, wie gesagt: Es ist der Leser, der entscheidet.
iir, january 2026