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this episode:
rudi dutschke
student leader

resurrection

2025

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dutschke
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ludwig erhard, willy brandt or hannah arendt – the journalist günter gaus conducts interviews with 33 high-ranking personalities for german television, until on december 3, 1967, a merely 27-year-old representative of the left-wing student movement sits opposite him. the history and german studies student gaus works as a political editor for the süddeutsche zeitung and der spiegel, until he switches from the written word to the televised image in 1963, first for the second german television network, then for the swf in baden-baden. in his conversation with rudi dutschke, gaus does not hold back his sometimes stern sharpness, but he withholds the goodwill he usually brings into other interviews. he also does not miss the chance to place a warning preface before the broadcast, stumbling over the term “revolutionary,” barely able or willing to pronounce it. the later spd member and government representative recognizes just as little the opportunities of a not entirely new but still vibrant medium as his counterpart, the young, highly eloquent, but notoriously slogan-repeating socialist. gaus’ announcing words speak of a deputy of a minority within a minority, in the midst of a student body otherwise not intending to endanger the republic – and yet his reactions clearly show: here sits the enemy. at the height of the cold war, a former gdr citizen speaks in front of the camera with an immeasurably nebulous potential for political explosive force. four months later, an assassination attempt is carried out on dutschke, which he survives, though he succumbs to its long-term consequences in 1979, eleven years later.

three bullets hit the founder of the apo, two in the head, one in the shoulder, and it takes months until he can teach himself to speak again. the construction worker josef bachmann shoots the man stylized by the bild newspaper as the ringleader “the red.” the deutsche national-zeitung, excerpts of which the perpetrator carries with him, bears the headline “stop dutschke now.” after the shooting of the student benno ohnesorg by a police officer in june 1967, the student movement radicalizes, and only a week later, at a congress in hannover, a fateful conclusion is drawn. with the threat of militant actions, jürgen habermas responds during the event on the evening of ohnesorg’s funeral; the frankfurt professor sees in dutschke’s rhetoric and the sds strategy a “left-wing fascism” – irrational, self-centered, and politically suicidal. and he means: anyone who uses violence without a real revolutionary base among the people does not practice socialism but terror only. habermas later describes his speech as a reactive lapse and regrets it, as the effects of his words prove devastating. the bild newspaper begins to criminalize the students, and the gaus television interview, broadcast half a year later, also circles around the dark, looming cloud of violence hanging over the country. habermas’ warning foresees the future: with the shots fired at dutschke, the spiral of violence escalates, and the later terrorist actions of the raf do not liberate society – on the contrary, they lead to massive strengthening of the state security apparatus.

the christian socialist dutschke, whose political thinking is rooted in the two martyrs jesus christ and rosa luxemburg, whose personal path begins with refusing military service in the gdr, does not grasp the consequences of playing with a fire he fundamentally rejects. the terror now unfolding forms the core of günter gaus’ question: how far would dutschke go in pursuing his visions? he recalls the two european revolutions and warns of the catastrophic times into which france and russia spiral in their wake. with the shout “you filthy communist pig!” and the shots fired at dutschke ends the action planned by bachmann, modeled on the assassination of martin luther king. bachmann travels to berlin, first asking at commune i whether his target lives there, only to be redirected to the sds office on kurfürstendamm, the crime scene. the recovered dutschke later enters into dialogue with his convicted and imprisoned attacker and forgives him. in 1970, bachmann commits suicide, and dutschke’s lawyer horst mahler, later a terrorist himself, places a bouquet on his grave with the inscription “a victim of class society.” rudi dutschke drowns in his bathtub in 1979 after an epileptic seizure – in his diary he sees in the resurrection of jesus christ the decisive revolution in world history, through the love that overcomes everything.

iir, november 2025

Ludwig Erhard, Willy Brandt oder Hannah Arendt – der Journalist Günter Gaus führt mit 33 hochrangigen Persönlichkeiten Interviews für das deutsche Fernsehen, bis ihm am 3. Dezember 1967 ein gerade mal 27-jähriger Vertreter der linken Studentenschaft gegenübersitzt. Der Geschichts- und Germanistikstudent Gaus ist als politischer Redakteur für die Süddeutsche Zeitung und den Spiegel tätig, bis er ab 1963 vom geschriebenen Wort zum ausgestrahlten Bild wechselt, zunächst für das Zweite Deutsche Fernsehen, dann für den SWF in Baden-Baden. Gaus lässt es in seinem Zwiegespräch mit Rudi Dutschke nicht an seiner mitunter streng geführten Schärfe mangeln, aber es fehlt ihm jegliches in anderen Interviews eingebrachte Wohlwollen. Zudem lässt er es sich nicht nehmen, eine warnende Vorrede der Sendung voranzustellen, bei der er beim Begriff „Revolutionär“ stolpert, ihn kaum aussprechen kann oder will. Das spätere SPD-Mitglied und Regierungsrepräsentant erkennt ebensowenig die Chancen eines nicht mehr gänzlich neuen, aber durchaus noch lebendigen Mediums wie sein Gegenüber, der junge, höchst eloquente, aber notorisch Programme und Haltungen abspulende Sozialist. Gaus’ ankündigende Worte sprechen von einem Wortführer einer Minderheit innerhalb einer Minderheit, inmitten einer ansonsten die Republik nicht gefährden wollenden Studentenschaft – und doch geht aus seinen Reaktionen eindeutig hervor: Hier sitzt der Feind. In der Hochphase des Kalten Krieges spricht ein ehemaliger DDR-Bürger vor der Kamera, mit einem uneinschätzbar nebulösen Potential politischer Sprengkraft. Vier Monate später wird auf Dutschke ein Attentat verübt, das er zwar überlebt, dessen Spätfolgen er jedoch 1979, elf Jahre später, erliegt.

Drei Kugeln treffen den Gründer der APO, zwei in den Kopf, eine in die Schulter, und es wird Monate dauern, bis er sich das Sprechen wieder beibringen kann. Der Bauarbeiter Josef Bachmann schießt auf den durch die Bild-Zeitung zum Rädelsführer stilisierten „Roten“. Die Deutsche National-Zeitung, die der Täter in Ausschnitten bei sich führt, trägt den Titel „Stoppt Dutschke jetzt“. Nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Polizisten im Juni 1967 radikalisiert sich die Studentenschaft, und nur eine Woche später kommt es auf einem Kongress in Hannover zu einer folgenschweren Schlussfolgerung. Mit der Androhung von Kampfaktionen antwortet der direkt angesprochene Jürgen Habermas auf jener Veranstaltung am Abend der Beerdigung Ohnesorgs; der Frankfurter Professor sieht in Dutschkes Rhetorik und der Strategie des SDS einen „linken Faschismus“ – sie sei irrational, selbstbezogen und politisch selbstmörderisch. Und er meint damit: Wer Gewalt anwendet ohne echte revolutionäre Basis innerhalb des Volkes, betreibe keinen Sozialismus, sondern nur Terror. Habermas wird seine Rede später als reaktive Entgleisung darstellen und sie bereuen, denn seine Worte haben eine verheerende Wirkung. Die Bild-Zeitung beginnt, die Studenten zu kriminalisieren, und auch das Gaus’sche Fernsehinterview, ein halbes Jahr später gesendet, umkreist die dunkel drohende Wolke der Gewalt über dem Land. Habermas’ ausgesprochene Warnung sieht die Zukunft voraus: Mit den Schüssen auf Dutschke eskaliert die Gewaltspirale, und die später folgenden Terroraktionen der RAF befreien die Gesellschaft keineswegs – im Gegenteil, sie führen zu einer massiven Aufrüstung des staatlichen Sicherheitsapparates.

Der christliche Sozialist Dutschke, dessen politisches Gedankenbild auf den beiden Märtyrern Jesus Christus und Rosa Luxemburg fußt, dessen persönlicher Werdegang eben gerade mit der Verweigerung des Dienstes an der Waffe, dem Wehrdienst in der DDR, beginnt, umriss nicht die Folgen seines Spieles mit einem Feuer, das er im Grunde zutiefst ablehnen muss. Der Terror, der sich nun entfaltet, bildet genau den Kern der Frage Günter Gaus’: Wie weit würde Dutschke bei der Durchsetzung seiner Visionen gehen? Er erinnert an die beiden europäischen Revolutionen und mahnt jene katastrophalen Zeiten an, in die sich Frankreich und Russland in der Folge hineindrehen. Mit dem Ausruf „Du dreckiges Kommunistenschwein!“ und den Schüssen auf Dutschke endet die, nach dem Vorbild der Ermordung Martin Luther Kings geplante, Aktion Bachmanns. Dieser reist nach Berlin, erkundigt sich zunächst bei der Kommune I, ob sein Opfer hier wohne, nur um dort auf das Büro des SDS am Kurfürstendamm verwiesen zu werden, dem Tatort. Der wiedergenesene Dutschke tritt mit seinem verurteilten und inhaftierten Täter später in Dialog und verzeiht ihm. 1970 begeht Bachmann Selbstmord, und Dutschkes Anwalt Horst Mahler, später selbst Terrorist, legt auf dessen Grab einen Blumenstrauß mit der Beschriftung „Ein Opfer der Klassengesellschaft“. Rudi Dutschke ertrinkt 1979 in seiner Badewanne nach einem epileptischen Anfall – in seinem Tagebuch sieht er in der Auferstehung Jesus Christus die entscheidende Revolution der Weltgeschichte, durch die alles überwindende Liebe.

iir, november 2025

dutschke

© jürgen henschel, rudi dutschke speaks at a student rally in west berlin, june 13, 1967